Ärzte Zeitung online, 20.10.2017
 

Demenz oder Depressionen?

Viele diagnostische Hinweise kommen vom Kranken selbst

Benennen ältere Patienten von sich aus kognitive Defizite, sollten Ärzte hellhörig werden: Häufig liegt dann keine Demenz, sondern eine Depression vor. Im Gegensatz zu Depressiven tendieren Demenzkranke eher dazu, ihre Defizite zu bagatellisieren.

Von Thomas Müller

Viele diagnostische Hinweise kommen vom Kranken selbst

Depressive können sich oft an ein belastendes Ereignis erinnern, mit dem die Beschwerden begonnen haben.

© GordonGrand / Fotolia

Ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren, mein Gedächtnis lässt mich im Stich, ich hab wohl eine Demenz." Mit solchen Sorgen gehen viele Patienten in eine Gedächtnissprechstunde. "Etwa ein Drittel davon hat jedoch keine Demenz", erläuterte Dr. Tilman Fey, Chefarzt der Gerontopsychiatrie am LWL-Klinikum in Münster. "Ein großer Teil davon ist an einer Depression erkrankt", sagte Fey beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt.

Für Ärzte mag es nicht immer einfach sein, beides klar zu trennen. Zum einen kann es in der Anfangsphase einer Demenz zu depressiven Verstimmungen kommen – viele Patienten merken, dass die geistigen Kräfte nachlassen, zum anderen schieben nach den Erfahrungen von Fey gerade ältere Menschen häufig organische Beschwerden vor, wenn ihre Stimmung im Keller ist. "Manche haben drei Magenspiegelungen hinter sich, wenn sie zu uns kommen."

Unterschiede beim zirkadianen Rhythmus

Dennoch könnten Ärzte oft sehr klar unterschieden, ob eine Depression oder eine Demenz im Vordergrund steht. Fey nannte dazu einige Tipps: So ist der zirkadiane Rhythmus bei Demenzkranken und Depressiven sehr unterschiedlich. Depressive haben eher am Morgen kognitive Probleme, im Laufe des Tages gehen die Beschwerden zurück, das Leistungsmaximum liegt am Abend. Schlafentzug ist eher förderlich. Ganz anders Demenzkranke: Sie haben ihre Sinne eher morgens beisammen, die kognitive Leistung nimmt im Tagesverlauf ab, und Schlafentzug ist kontraproduktiv.

Wichtig ist für den Experten auch die Selbstwahrnehmung der Patienten: Depressive aggravieren häufig ihre kognitiven Probleme, Demenzkranke bagatellisieren sie. Es sei daher wichtig, auch Angehörige zu befragen. Bei Depressiven würden diese in der Regel sagen, dass die Alltagskompetenz nicht eingeschränkt und die Kognition nicht wirklich das Problem sei, bei Demenzkranken jedoch schon.

Ein weiterer Unterschied: Eine Demenz beginnt schleichend, dagegen können sich Depressive oft an ein belastendes Ereignis erinnern, mit dem ihre Beschwerden begonnen haben, etwa an den Tod des Partners.

Welchen Test zur Abklärung?

Mehr Klarheit schaffen spezielle Tests. Für wenig geeignet zur Abgrenzung zwischen Depression und Demenz hält Fey jedoch die "Geriatric Depression Scale (GDS)". Fragen wie "Haben Sie das Gefühl, Ihr Leben ist leer?" oder "Fühlen Sie sich oft hilflos?" könne jeder, der nicht als depressiv gelten will, so beantworten, dass keine Depression herauskommt. "Der Test gibt lediglich eine Pseudosicherheit."

Etwas subtiler gehen der Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung (TFDD) sowie die CERAD-Batterie vor. Letztere sei der Goldstandard in Gedächtnissprechstunden, so Fey. In solchen Untersuchungen zeigten Demenzkranke in der Regel visokonstruktive sowie semantische Störungen, Depressive eine psychomotorische Verlangsamung und eine verminderte Exekutivfunktion.

Sowohl Depressive als auch Demenzkranke hätten Probleme, Inhalte aus dem Gedächtnis abzurufen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Bei Demenzkranken sei quasi die "Festplatte" beschädigt, sie könnten kaum noch neue Informationen aufnehmen und daher auch später nicht mehr abrufen. Sie litten daher primär an einem Lerndefizit, einer anterograden Amnesie. Depressive hätten jedoch kein Problem mit der Festplatte, sie könnte also nach wie vor Informationen aufnehmen, hier hapert es bei der Wiedergabe. Sie litten daher vor allem unter einer retrograden Amnesie, so Fey.

Antidepressiva brauchen bei Älteren mehr Zeit

Steht tatsächlich eine Depression im Vordergrund, sollten Ärzte mit der Behandlung nicht zögern: Unter Antidepressiva seien die Remissionsraten bei älteren Patienten nicht schlechter als bei jüngeren, erläuterte Dr. Rainer Schaub vom Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Der Psychologe nannte allerdings höhere Rezidivraten. Die Exazerbationswahrscheinlichkeit sei durch belastende Lebensereignisse und neue medizinische Diagnosen im Alter größer als in jüngeren Jahren.

Der Gerontopsychiater Dr. Rainer Kortus aus St. Ingbert plädiert gemäß den gültigen Leitlinien bei Älteren primär für eine Psychotherapie. Erst wenn diese versage, sollte eine Behandlung mit Antidepressiva erwogen werden. Da es nur wenige Therapeuten gebe, die sich um Ältere kümmerten, seien Medikamente in der Praxis jedoch die Regel.

Diese sollten Ärzte ebenfalls ausreichend hoch dosieren – etwa zwei Drittel der üblichen Erwachsenendosis. Allerdings dauere es deutlich länger, bis alte Menschen auf die Therapie ansprächen – Erfolge würden oft erst nach sechs bis zehn Wochen sichtbar. Ist dann noch ein Medikamentenwechsel nötig, sei "ein Vierteljahr zur Anbehandlung keine Seltenheit", so Kortus. "Diese Zeit sollte man sich jedoch lassen, denn meist sind Depressionen auch bei Älteren gut behandelbar."

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