Ärzte Zeitung online, 15.12.2017

Retrospektive Studie

Erhöhtes Insultrisiko nach Trauma

Bis zu zwei Wochen nach einem Kopf- oder Halstrauma besteht offenbar auch bei jungen Patienten ein deutlich erhöhtes Schlaganfallrisiko. Auf diesen Zusammenhang haben die Autoren einer retrospektiven Studie hingewiesen.Die Frage ist, ob die Ergebnisse ein Screening rechtfertigen.

Von Elke Oberhofer

SAN FRANCISCO. Unfälle, die mit einem starken Aufprall und/oder einer gewaltsamen Verdrehung oder Hyperextension des Halses einhergehen, führen nicht selten dazu, dass Gefäße im Hals-/Kopfbereich im Sinne eines stumpfen Traumas (BCVI, blunt cerebrovascular injury) geschädigt werden. Damit ist theoretisch auch die Gefahr eines Schlaganfalls gegeben.

Wie Forscher der University of California in San Francisco herausgefunden haben, liegt das Schlaganfallrisiko in den ersten vier Wochen nach einem Kopf- oder Halstrauma bei Patienten unter 50 Jahren bei 0,04 Prozent (Neurology 2017; 89 (23): 2310–2316). Das entspricht mehr als 37 Schlaganfällen pro 100.000 Unfällen.

Dieses Ergebnis beruht auf retrospektiv erhobenen Daten aus der Kaiser-Permanente-Kohorte aus Nordkalifornien. In diesem Kollektiv hat das Team um Dr. Christine K. Fox knapp eine Million Teilnehmer unter 50 (Kinder und Jugendliche eingeschlossen)identifiziert, die zwischen 1997 und 2011 mindestens ein unfallbedingtes Trauma erlitten hatten.

0,04 % beträgt das Schlaganfallrisiko in den ersten vier Wochen nach einem Kopf- oder Halstrauma bei Patienten unter 50 Jahren.

In 52 Fällen war es – allem Anschein nach auf der Grundlage des Traumas – innerhalb eines vorab definierten Zeitraums von vier Wochen nach dem Unfall zu einem ischämischen Schlaganfall gekommen. Das mediane Alter der Betroffenen lag bei 34 Jahren, alle waren über 18 Jahre alt. Wie Fox und Kollegen berichten, hatte sich der Insult in allen Fällen innerhalb von 15 Tagen ereignet, in 37 Prozent noch am Unfalltag.

69 Prozent der zugrunde liegenden Traumata waren Kopfverletzungen, gefolgt von Verletzungen an Hals (31 Prozent) oder Brust (29 Prozent). Bei der Hälfte der Patienten hatte es sich um ein Multisystemtrauma gehandelt. Die Gesamtrate der Schlaganfälle (bezogen auf alle Verletzungen) lag bei 0,004 Prozent, das entspricht vier Schlaganfällen pro 100.000 Unfällen. Unter den Verletzungsarten waren lediglich Kopf- und Halstrauma signifikant mit einem Schlaganfall verknüpft; das Risiko war – unter Berücksichtigung der Traumaschwere – bei diesen Verletzungen um den Faktor 4 bzw. 6 erhöht. Das Alter der Patienten hatte offenbar keinen Einfluss auf den traumabedingten Insult.

Mehr als die Hälfte der Schlaganfallpatienten (54 Prozent) hatten nach dem Unfall, bevor es zum Insult gekommen war, eine Angiografie der Hirngefäße erhalten. Überraschenderweise war diese in einem Viertel der Fälle unauffällig. "Ein Normalbefund in der Gefäßbildgebung ist also kein Garant für Sicherheit", so Dr. Lori C. Jordan und Dr. Pratik D. Bhattacharya, pädiatrische Neurologin an der Vanderbilt University in Nashville die eine und Neurologe aus Pontiac, Mississippi, der andere. Dennoch: In der Studie hätten immerhin 63 Prozent der Patienten mit Schlaganfall diesen erst nach Ablauf des ersten Tages erlitten; dies zeige, dass zumindest grundsätzlich die Gelegenheit zu präventiven Maßnahmen bestehe.

Die Frage, welche Unfallpatienten möglicherweise von einer Schlaganfall-Primärprävention profitierten, bleibe vorerst offen; zur Klärung seien weitere, randomisierte Studien erforderlich. Fachgesellschaften wie die Western Trauma Association oder die Eastern Association for the Surgery of Trauma empfehlen lediglich, in Fällen mit dokumentiertem stumpfem Trauma die Gabe von Heparin oder Thrombozytenaggregationshemmern zu erwägen. Wie Fox und Kollegen betonen, genügt es aber offenbar nicht, sich auf den Befund eines BCVI zu fokussieren. Die Forscher drängen auf eine verstärkte Zusammenarbeit von Neurologen und Traumaforschern. Dies könne dazu beitragen, unnötige Bildgebung zu minimieren und die Schlaganfallprävention zu verbessern.

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