Ärzte Zeitung online, 06.02.2018

Propranolol

Trauma-Killer Betablocker

Schon lange wird der Betablocker Propranolol als chemische Löschtaste für traumatische Erinnerung gehandelt – bislang aber ohne überzeugenden Erfolg. Nun kommen Forscher zu dem Schluss, dass die Substanz eine Reaktivierungstherapie unterstützen kann.

Von Thomas Müller

Betablocker löscht psychische Traumata

Gegen Traumata: Gesucht wird eine Pille, die unangenehme Erinnerungen löscht.

© imagesetc / stock.adobe.com

Wer hätte das nicht gerne, eine Pille, die unangenehme Erinnerungen löscht – davon würden nicht nur traumatisierte Patienten profitieren. Schon seit langem gibt es Hinweise, wonach der Betablocker Propranolol die Gedächtniskonsolidierung beeinträchtigt. Sofort nach einem schrecklichen Erlebnis angewandt, soll die Substanz verhindern, dass sich das Erlebte ins Gedächtnis einbrennt.

In der Praxis scheint das jedoch nicht so richtig zu klappen – entsprechende Studien lieferten widersprüchliche Resultate, vielleicht auch deswegen, weil eine schnelle Propranololtherapie häufig nicht realisierbar ist. Schließlich suchen viele traumatisierte Patienten erst lange nach dem Ereignis professionelle Hilfe.

Deutlicher Therapieeffekt

Wesentlich leichter lässt sich die Gedächtniskonsolidierung jedoch bei einer Reaktivierungstherapie manipulieren. Bei solchen Verfahren, wie sie etwa in der Narrativen Expositionstherapie angewandt werden, soll das Erlebnis in einem sicheren Umfeld erneut abgerufen und neu verortet werden.

Die Erinnerung wird dabei nicht gelöscht, verliert aber ihre Bedrohung in der Gegenwart, wenn es gelingt, sie klar an einen anderen Ort in der Vergangenheit zu koppeln. Wird in einem solchen Setting nun vor der Reaktivierung Propranolol verabreicht, könnte sich auch die Erinnerung selbst abschwächen. Darauf deutet zumindest eine placebokontrollierte Studie mit 60 Patienten, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten (Am j Psych 2018; online 12. Januar).

Die Teilnehmer erhielten über sechs Wochen hinweg einmal wöchentlich eine Reaktivierungstherapie. Therapeuten baten sie in der ersten Sitzung, die schlimmsten Erlebnisse ihres Traumas im Präsens und aus der Ich-Perspektive aufzuschreiben und anschließend laut vorzulesen. Dabei sollten sie sich vorstellen, sie befänden sich mitten im Geschehen.

 In den nachfolgenden Sitzungen wurden die Patienten gefragt, ob sie an ihrem Bericht etwas ändern möchten, anschließend sollten sie das Notierte erneut laut vortragen. 90 Minuten vor jeder Reaktivierung bekam die eine Hälfte der Teilnehmer Propranolol, die andere Placebo. Der Betablocker wurde in einer kurzwirksamen Formulierung mit 0,67 mg/kg KG verabreicht sowie zusätzlich in einer Retardversion mit 1,0 mg/kg KG.

Um den Erfolg der Behandlung zu beurteilen, schauten die Studienautoren um Dr. Alain Brunet von der Universität in Montreal auf zwei verschiedene PTBS-Skalen. Auf der von Ärzten beurteilten Skala CAPS* lag der Wert zu Beginn bei 76 Punkten (Propranololgruppe) und 71 Punkten (Placebogruppe). Nach sechs Wochen (Intention-to-treat-Analyse) war der Wert unter Propranolol auf 47, unter Placebo nur auf 54 Punkte gesunken, die Differenz erwies sich als statistisch signifikant.

Sowohl die Propranolol- als auch die Placebo-unterstützte Reaktivierung zeigte eine hohe Effektstärke (Cohen's d von jeweils 1,76 und 1,25), wobei diese mit Propranolol etwas höher lag. In der Per-protocol-Analyse traten die Unterschiede noch deutlicher zutage (Cohen's d von jeweils 1,64 und 0,72). Der CAPS-Wert verbesserte sich hierbei um 38 Prozent unter Propranolol, aber nur um 13 Prozent mit Placebo.

Weit größere Unterschiede ergaben sich in der Selbstbeurteilung der Patienten mit der PCL-SSkala*: Unter Placebo (per protocol) blieb der Wert weitgehend konstant, mit Propranolol fiel er im Laufe von sechs Wochen um mehr als die Hälfte.

Hohe Abbruchrate

Sechs Monate nach der Intervention hatten sich die Werte in der Placebogruppe wieder verschlechtert und lagen fast auf dem Ausgangsniveau, dagegen waren sie in der Propranololgruppe konstant niedrig geblieben. Offenbar hatte die Therapie nur mit Propranolol einen nachhaltigen Effekt.

Ein Manko der Studie ist jedoch die hohe Abbruchrate: Nur die Hälfte aller Patienten in beiden Gruppen hielt sechs Wochen lang durch. Immerhin zeigten sich die Effekte auch in der Intention-to-treat-Analyse, was die Wirksamkeit der Propranolol-Behandlung unterstützt. Mit Vorsicht muss jedoch die Auswertung nach einem halben Jahr betrachtet werden – es ließen sich nur noch wenige Patienten aufspüren.

Ob Propranolol tatsächlich die Gedächtniskonsolidierung beim Reaktivieren traumatischer Erlebnisse schwächt, ist ebenfalls noch nicht bewiesen, es könnten auch andere Effekte von Bedeutung sein, geben die Forscher um Brunet zu bedenken. Wie auch immer – fragt man die Betroffenen, scheint die Betablocker-unterstützte Therapie relativ gut zu wirken.

*Abkürzungen:

CAPS: Clinician-Administered PTSD Scale score

PCL-S: PTSD Checklist–Specific

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