Ärzte Zeitung online, 20.06.2018

Neurologische Erkrankungen

Wie die Neurologie von der Flüchtlingskrise profitiert

Neurologische Erkrankungen von Migranten sind für Europas Gesundheitssysteme eine Herausforderung, doch bringen auch neue Erkenntnisse: Mediziner können durch Zuwanderer erforschen, wie neurologische Krankheiten mit den Genen zusammenhängen – und wie viel mit der Umwelt.

Migration als Herausforderung für die Neurologie

Häufig erschweren Sprachbarrieren Migranten den Zugang zum Gesundheitssystem im Ankunftsland.

© dpa / picture alliance

LISSABON. "Die großen Migrations- und Fluchtbewegungen der letzten Jahre stellen die Neurologie vor einige Herausforderungen, zugleich liefern sie große Chancen auf Erkenntnisse über neurologische Erkrankungen. Ein Potenzial, das wir nutzen sollten", sagte Professor Antonio Federico von der Universität Siena beim 4. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Lissabon.

Eine Reihe internationaler Studien zum Gesundheitszustand von Migranten hätten neue Einsichten über den Zusammenhang zwischen genetischen Ursachen, Umwelteinflüssen und dem Risiko für neurologische Erkrankungen ergeben, so die EAN in einer Mitteilung zum Kongress.

Ergebnisse aus Kanada

Umwelteinflüsse erhöhen MS-Risiko So habe die kanadische PRESARIO-Studie fast eine Million gerade angekommene Immigranten mit rund drei Millionen Menschen, die bereits vor fünf oder mehr Jahren eingewandert waren, verglichen.

Dabei wiesen die neu dazu gekommenen Immigranten ein geringeres Schlaganfallrisiko in jungen Jahren auf als jene, die schon längere Zeit in Kanada lebten – und das, obwohl Erstere einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem und ein geringeres Einkommensniveau hatten. "Die Studienautoren folgerten, dass das Risiko für Schlaganfall in jungen Jahren weniger genetisch bedingt ist, sondern von Umweltfaktoren abhängt, etwa der Ernährung", berichtete Federico.

Beispiel: MS

Eine norwegische Studie untersuchte die Verbreitung von Multipler Sklerose (MS) bei Immigranten. Dabei stellten die Forscher fest, dass MS bei jenen Menschen am stärksten verbreitet war, die aus Europa oder Nordamerika nach Norwegen gekommen waren. Afrikanische oder asiatische Einwanderer waren hingegen in nur geringem Ausmaß betroffen.

Die MS-Prävalenz der Migranten in Norwegen spiegelte somit die ungleiche weltweite Verbreitung der Krankheit wider. Die Studie wies aber auch einen starken Anstieg an MS-Fällen unter pakistanischen Immigranten der zweiten Generation nach. "Das legt die Vermutung nahe, dass es starke Umwelteinflüsse sind, die das MS-Risiko erhöhen", so der Experte.

Die EAN berichtete zudem von einer italienischen Studie, die den Gesundheitszustand von 114 geflüchteten Menschen aus 25 Ländern untersuchte, die mittlerweile in der Toskana leben. Ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität variierte nach Herkunftsland, Muttersprache und nicht zuletzt nach der Stadt, in der sie Aufnahme gefunden hatten.

Da der Großteil jung und gesund war, brauchten sie nur selten medizinische Behandlung. "Die Daten zur Lebensqualität zeigten aber, dass die Probanden im Vergleich zu Italienern einen ungesünderen Lebensstil pflegen. Sie konsumieren mehr Alkohol und Tabak, ernähren sich zucker- und fettreicher und sind körperlich weniger aktiv. Dadurch steigt auch ihr Risiko für neurologische Erkrankungen", so Federico.Seltene Krankheiten erkennen

Die Migration aus anderen Kontinenten stelle in Europa ausgebildete Neurologen durchaus vor einige Probleme. "Der Großteil der Menschen stammt zwar aus Ländern, über deren gesundheitliche Lage wir im Bilde sind. Sobald sie aus entlegenen Regionen kommen, kann das Einholen aller medizinisch relevanten Informationen jedoch schwierig werden", so Federico.

Ärzte im Kontakt mit seltenen Krankheiten

Die neurologischen Erkrankungen von Migranten können ein breites Spektrum umfassen, darunter auch genetisch oder infektiös bedingte Krankheiten, mit denen Ärzte der Ankunftsländer üblicherweise kaum zu tun haben.

"Morbus Behçet ist beispielsweise eine Erkrankung, die in Europa äußerst selten zu finden ist, im Mittleren und Nahen Osten sowie in Ostasien jedoch häufiger auftritt. Wird diese Krankheit nicht diagnostiziert oder zu spät behandelt, kann sie zu neurologischen und kognitiven Komplikationen führen", so der Experte.

Bei der Behandlung von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten müsse bedacht werden, dass sie in der Regel traumatisiert sind und dann noch im Ankunftsland mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, erinnert die EAN. Wenn geflüchtete Menschen in überfüllten Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden, seien sie darüber hinaus gefährdet, sich mit potenziell lebensbedrohlichen Krankheitserregern anzustecken.

Ängste der einheimischen Bevölkerung

Die Verbreitung von Infektionskrankheiten sei dabei nicht nur ein medizinisches Problem, sie schüre auch Ängste bei der lokalen Bevölkerung. "Die Migranten gefährden aber nicht, sie sind gefährdet", betonte Federico. Erwiesenermaßen haben die Infektionskrankheiten von Migranten kaum Einfluss auf die Epidemiologie in Europa.

Der Anteil an Infektionskrankheiten kann aber unter Migranten höher sein als in der durchschnittlichen Bevölkerung des Aufnahmelandes. "Screening-Programme sind wichtig, um vermeidbare Infektionskrankheiten rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln – indem etwa ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stehen", so der Experte.

Bei gesundheitlichen Problemen müssen Migrantinnen und Migranten häufig länger im Krankenhaus bleiben als einheimische Patienten. "Das liegt zum Teil an kulturellen und sprachlichen Kommunikationsproblemen. Wir müssen auf einen Übersetzer warten, um mehr über die Krankheitsgeschichte zu erfahren", berichtete Federico.

Zu berücksichtigen ist auch, dass Patienten aus Kulturen kommen können, in denen neurologische Erkrankungen wie Epilepsie stigmatisiert sind und diese daher nicht ausreichend diagnostiziert und behandelt wurden. "Wir müssen sicherstellen, dass unsere Gesundheitssysteme alle Menschen ausreichend medizinisch versorgen, egal, ob sie zur autochthonen Bevölkerung zählen oder neu zugewandert sind."

In der Regel wissen Menschen mit Migrationshintergrund nur wenig über das Gesundheitssystem des Landes, in dem sie Aufnahme gefunden haben. Kulturelle Unterschiede, niedriger sozioökonomischer Status, geringer Bildungsstand und Sprachbarrieren sind die häufigsten Gründe, die ihnen den Zugang zum Gesundheitssystem erschweren. "Daher ist notwendig, Migranten besser zu informieren", schloss Federico. (eb)

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