Ärzte Zeitung online, 02.01.2019

Arbeitsforschung

Glaube an unbegrenzte Willenskraft versetzt Berge

„Willenskraft steht mir unbegrenzt zur Verfügung!“ – Mit dieser Vorstellung ins Neue Jahr zu starten, lohnt sich. Denn dann lassen sich mental anstrengende Aufgaben besser bewältigen und Selbstkontrolle erfolgreicher aufrechterhalten.

Glaube an unbegrenzte Willenskraft versetzt Berge

Alles Kopfarbeit: Wer davon ausgeht, dass Willenskraft kaum Grenzen kennt, fühlt sich auch nach mental anstrengenden Aufgaben weniger erschöpft.

© Steve Young / stock.adobe.com

DORTMUND. Zum Jahreswechsel formulieren viele nicht nur private, sondern auch berufliche Vorsätze. Um diese im Arbeitsalltag umsetzen sowie zahlreiche Aufgaben im Job meistern zu können, braucht es Willenskraft.

Dabei spielt es eine Rolle, wie wir unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle einschätzen: Wer davon ausgeht, dass Willenskraft kaum Grenzen kennt, fühlt sich nach mental anstrengenden Aufgaben weniger erschöpft und kann Selbstkontrolle erfolgreicher aufrechterhalten, meldet das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) auf Basis der Ergebnisse einer aktuellen Studie des Instituts, deren Titel mit der Frage „Can faith move mountains?“ (Kann Glaube Berge versetzen?) beginnt (European Journal of Work and Organizational Psychology. 2018; online 21. Dezember).

Wahre Gefühle werden unterdrückt

Berufliche Anforderungen, bei denen wir unsere Emotionen im Griff haben müssen, sind selbstverständlich. Auch vom Praxispersonal etwa wird ja erwartet, dass es im Kontakt mit Patienten stets freundlich ist. Wahre Gefühle zugunsten zielorientierten Verhaltens zu unterdrücken, verlangt ein hohes Maß an Selbstkontrolle. Das strengt an und kann zur Erschöpfung führen, erinnert das Dortmunder Institut.

Frühere Studien hätten ergeben, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle stark abnimmt, wenn wiederholt Aufgaben erledigt werden müssen, bei denen man sich kontrollieren muss. Diese lange vorherrschende Annahme von Willenskraft als eine nur begrenzt verfügbare Ressource werde jedoch seit einigen Jahren infrage gestellt.

Welches Konzept von Willenskraft liegt vor?

Neuere Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass es einen Einfluss hat, welches Konzept von Willenskraft in unserem Kopf vorherrscht: „Wer davon ausgeht, dass Willenskraft nicht leicht erschöpfbar ist, sondern uns unlimitiert zur Verfügung steht, schneidet bei anhaltenden mental anstrengenden Aufgaben besser ab, als Personen, die von einer nur begrenzt verfügbaren Ressource der Willenskraft ausgehen“, teilt das Institut mit.

Diese Erkenntnisse beruhten bislang auf Laborexperimenten. Forscher am IfADo hätten nun erstmals auch für den Arbeitsalltag bestätigt, dass sich bestimmte Vorstellungen von Willenskraft auf die Leistungsfähigkeit auswirken können.

Auf die Einstellung kommt es an

Dazu haben sie eine Tagebuchstudie mit 71 Teilnehmer durchgeführt, die alle regelmäßig beruflich in Kontakt mit Kunden, Patienten oder Geschäftspartnern stehen. An zehn aufeinanderfolgenden Arbeitstagen beantworteten die Probanden zweimal pro Tag online einen Fragebogen.

Am Nachmittag wurde abgefragt, wie häufig die Probanden am Tag ihre Emotionen der jeweiligen Situation anpassen und somit Selbstkontrolle ausüben mussten. Zudem ging es um die Frage, wie erschöpft sie sich fühlten. Am Abend bewerteten die Studienteilnehmer erneut ihr Wohlbefinden.

Vor dem Start der Befragung wurde zudem erhoben, welche Vorstellung die Probanden über Willenskraft haben, erläutert das IfADo die Studie. Dazu mussten sie bewerten, was sie von bestimmten Aussagen halten, wie „Nach einer mental anstrengenden Aktivität fühlt man sich angeregt für neue herausfordernde Aufgaben“.

„Probanden, die bei der Arbeit ihre Emotionen kontrollieren mussten, profitierten unmittelbar von der Vorstellung, dass Willenskraft nahezu unbegrenzt verfügbar ist. Sie fühlten sich weniger erschöpft durch die Emotionsarbeit, auch zu Hause nach einem anstrengenden Arbeitstag“, fasst IfADo-Studienautorin Anne-Kathrin Konze einen Teil der Studie zusammen.

Nicht Grenzen, sondern Möglichkeiten betonen!

„Unsere Willenskraft ist möglicherweise nicht so stark begrenzt, wie wir ursprünglich vermutet haben. Gehen wir dennoch davon aus, dass unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle schnell aufgebraucht ist, werden wir gewohnheitsmäßig unsere eigenen Fähigkeiten unterschätzen“, so Konze weiter.

Auch die Unternehmenskultur könne einen Einfluss darauf nehmen, welche Einstellung Angestellte bezüglich der Grenzen von Willenskraft haben, merkt das IFaDo an. „In einem Unternehmen, in dem eher die Grenzen des Machbaren betont, statt Möglichkeiten herausgestellt werden, können Mitarbeiter dazu verleitet werden, an eine sehr stark begrenzte Ressource der Willenskraft zu glauben. Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass einzelne Teammitglieder das Optimum ihrer Leistungsfähigkeit verfehlen“, wird IfADo-Arbeitspsychologin Konze zitiert. (eb/mal)

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Die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) mit der Titel-Frage „Can faith move mountains?“ (Kann Glaube Berge versetzen?), publiziert im European Journal of Work and Organizational Psychology 2018; online 21. Dezember hat mit dem Zitat von Claus F. Dieterle:

"Was ich dir jetzt rate, ist wichtiger als alles andere: Achte auf deine Gedanken, denn sie entscheiden über dein Leben! (Spr 4,23; HFA)"

so gut wie gar nichts zu tun.

Sprüche 4,23 könnten eher zur Aufarbeitung von kirchlichen Missbrauchs-Skandalen dienen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
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Claus F. Dieterle 
"Auf die Einstellung kommt es an"
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