Ärzte Zeitung, 08.02.2005

Nach plötzlichem Kindstod sterben oft auch die Mütter

Dresdner Studie zu Auswirkungen des plötzlichen Kindstodes auf Hinterbliebene / Trauerreaktionen noch nach 12 bis 15 Jahren

DRESDEN (dür). Ein Kind zu verlieren, bedeutet für Eltern immer schweres Leid. Die stärksten Trauerreaktionen nach dem Tod eines Babys haben jedoch Eltern, deren Kind am plötzlichen Säuglingstod (SID) gestorben ist, wie australische Studien belegen. Eine in Sachsen gemachte Studie ging jetzt der Frage nach, mit welchen Auswirkungen und Folgen die Hinterbliebenen nach SID konfrontiert sind.

Daraus soll abgeleitet werden, welche professionellen Hilfen den Familien zur Seite gestellt und welche Handlungsempfehlungen Helfern wie Kinderärzten, Rettungsdienst, Hebammen und Polizisten gegeben werden können.

    Ziel sind Handlungs-
empfehlungen
für professionelle Helfer.
   

Initiiert hat die Studie Professor Ekkehart Paditz von der Uniklinik Dresden, zusammen mit der Psychotherapeutin Dr. Angelika Mooshammer. Zwischen 1980 und 2002 mußten in Deutschland 18 652 Familien die bittere Erfahrung machen, morgens oder nach dem Mittagsschlaf ein totes Baby vorzufinden, berichtet Paditz.

Für die Analyse sichteten die Autoren 674 Publikationen zum Thema plötzlicher Kindstod und Trauerreaktionen, in denen über mehr als 25 000 Hinterbliebene berichtet wurde. Ergebnis: Das Herzinfarktrisiko von Eltern, deren Kind an SID verstarb, ist rund fünfeinhalb mal höher als das von Eltern mit lebenden Kindern, wie eine dänische Studie zeigt. Nach dem Tod eines Kindes steigt die Sterblichkeit der Eltern.

Am häufigsten beobachtet werden unnatürliche Todesfälle von Müttern, vor allem durch Autounfälle. Krankheitstage von Eltern steigen nach dem Todesfall im Durchschnitt um 12,8 Tage, davon entfallen 11,7 Tage auf psychische Erkrankungen, so eine britische Studie. Eine bayrische Studie wies nach, daß die Depressivität von Müttern im ersten Jahr nach dem plötzlichen Kindstod bis auf das zehnfache einer Vergleichspopulation anstieg.

Mütter sind weltweit stärker von typischen Trauerreaktionen wie Ängstlichkeit und Depression betroffen. Väter zeigen deutlich erhöhten Alkoholkonsum mit Spitzenwerten nach 30 Monaten, ergab eine australische Studie. Auch nach 12 bis 15 Jahren erleben Eltern stärkste Trauerreaktionen. Hier sind vor allem Väter gefährdet, die in der unmittelbaren Zeit nach der Trauer oft einfach "funktionierten" und damit das Bearbeiten des eigenen Traumas vermutlich verdrängten, berichtet Paditz.

Zeitnahe und sachlich klare Information über den Tod des Kindes zu geben, kann übermäßig hohe Depression mindern. Anzustreben ist eine kompetente Information über Ergebnisse einer Autopsie in einer emotional einfühlenden Gesprächsführung, die Möglichkeit, vom Baby Abschied nehmen zu können, so das Fazit des Kinderarztes.

Info: www.babyschlaf.de (90-Seiten-Studie)

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