Ärzte Zeitung online, 18.08.2008

Gezielt nach Depressionen fragen - bei Diabetikern ist das besonders wichtig

BAD MERGENTHEIM. Depressionen oder depressive Verstimmungen treten bei Menschen mit Diabetes doppelt so häufig auf wie in der Allgemeinbevölkerung. Lebensqualität und Prognose der Diabetiker werden dadurch eine Depression weiter verschlechtert. Ein Screening und ein strukturiertes Interventionskonzept in der Hausarztpraxis können helfen.

Von Simone Reisdorf

Diabetiker sind doppelt so oft Depressiv wie Menschen mit normalen Blutzuckerwerten.

Foto: R. Razvan © www.fotolia.de

Wenn Diabetes und Depressionen gemeinsam auftreten, lässt sich nicht sagen, ob die Stoffwechselerkrankung Ei oder Henne ist. Beides könnte möglich sein, berichten Professor Norbert Hermanns und Dr. Bernhard Kulzer von der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (Notfall & Hausarztmedizin 34, 2008, 208). Eine Meta-Analyse von 42 Studien hatte jedenfalls gezeigt, dass 12 Prozent aller Diabetiker eine behandlungsbedürftige klinische Depression und weitere 20 Prozent eine erhöhte Depressivität aufweisen. "Jeder dritte Diabetiker leidet unter depressiven Stimmungen", konstatieren die Autoren. Die Zahlen lägen damit doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Unter den Diabetikern seien besonders Frauen Depressions-gefährdet, außerdem Patienten mit häufigen Hypoglykämien, mit Folgeerkrankungen oder mit emotionalen Problemen bei der Krankheitsbewältigung.

Die Folgen einer Vergesellschaftung beider Erkrankungen sind vielfältig, so die Autoren: Depressive Diabetiker nehmen ihre Medikamente weniger regelmäßig, messen seltener ihren Blutzucker und leben insgesamt weniger gesund. "Bei Diabetikern, die trotz vielfältiger Therapieanpassungen eine permanent schlechte Blutzuckereinstellung aufweisen, sollte auch an eine bisher unerkannte Depression gedacht werden", schlussfolgern Hermanns und Kulzer.

Langfristig sei das Risiko für mikrovaskuläre Komplikationen im Vergleich zu Diabetikern ohne Depressionen vier- bis fünffach erhöht. Aber auch makrovaskuläre Komplikationen und die Mortalität lägen bei Zuckerkranken mit Depressionen deutlich höher. Und nicht zuletzt werde die Lebensqualität der Diabetespatienten durch eine Depression ganz entscheidend verschlechtert. So waren in einer Studie Menschen mit Diabetes deutlich besorgter, ängstlicher, einsamer und "ausgebrannter", wenn sie zusätzlich unter einer Depression litten.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: "Gegen Depressionen bei Diabetes lässt sich im Prinzip gut behandeln", betonen die Experten und empfehlen ein strukturiertes Vorgehen in der Hausarzt- oder Schwerpunktpraxis. Etwa mit den beiden Fragen "Haben Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, hoffnungslos oder depressiv gefühlt?" und "Haben Sie im letzten Monat wenig Freude oder Interesse an Dingen verspürt, die Ihnen gewöhnlich Freude bereiten?". Mit einem solchen einfachen Screening könne man Depressionen mit einer Sensitivität von 97 Prozent erfassen. Bei leichter Symptomatik könne dieses Vorgehen zudem bereits eine antidepressive Wirkung haben, nach dem Motto: Es hilft schon, einmal darüber zu reden. Werden beide Fragen mit "Ja" beantwortet, so sollten alle Kriterien für eine depressive Störung geprüft werden, fordern Hermanns und Kulzer.

Eine andere Möglichkeit, das Problem "Depression" anzusprechen, sei der Fragebogen "WHO fünf". Er umfasse nur fünf vom Patienten zu beantwortende Fragen. Erreiche dieser 13 oder weniger von 25 möglichen Punkten, liege das Risiko für eine Depression bei 30 Prozent, und eine weitere Abklärung anhand der Kriterien für depressive Störungen sei notwendig.

"Hausärzten kommt bei der Früherkennung der Depression eine Schlüsselfunktion zu", so die Autoren. Bei depressiven Symptomen müsse der Patient unbedingt auf mögliche Suizidabsichten angesprochen werden. Sei ein Patient nicht suizidgefährdet und nur leicht bis mäßig depressiv, könne der betreuende Arzt auch die Basisbehandlung zur Symptomreduktion selbst machen. "Diese besteht zunächst im Aufbau einer vertrauensvollen, verlässlichen und konstanten Beziehung zum Patienten, der Vermittlung von Hoffnung und Ermutigung sowie der Entlastung von Vorwürfen, Schuldgefühlen und Versagensängsten." Positive Gedanken und soziale Kontakte sollten gestärkt werden. Seien diabetesspezifische Belastungen die Ursache der Depression, könne eine Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder interpersonelle Psychotherapie helfen.

Eine medikamentöse Therapie sei vor allem bei Patienten mit mittelgradigen und schweren Depressionen angezeigt. Hier sei selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) der Vorzug vor trizyklischen Antidepressiva zu geben, "welche mit einer Gewichtszunahme und einer Verstärkung von Hypoglykämien einhergehen", so Hermanns und Kulzer.

Informationen im Internet:

  • Therapeuten:

www.diabetes-psychologie.de

  • Fragebogen WHO 5:

www.cure4you.dk/354/WHO-5_German.pdf

  • Leitlinien:

www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/redaktion/mitteilungen/leitlinien/PL_DDG2008_Psychosoziales

oder www.diabetes-psychologie.de/guidelines.htm

  • Synopsis hausärztlicher Versorgung depressiver Patienten:

www.kompetenznetz-depression.de/experten/media/Foliesynopsis.pdf

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