Ärzte Zeitung online, 04.08.2010

Depressive sehen tatsächlich grau in grau

Depressive können Kontraste deutlich schlechter wahrnehmen als Gesunde. Das lässt sich messen und zur Diagnose nutzen.

Von Thomas Müller

Depressive sehen tatsächlich grau in grau

Die Welt erscheint Depressiven auch grau, weil sie Kontraste schlecht wahrnehmen.

© matttilda / fotolia.com

Eigentlich weiß es jeder: Depressive sehen alles grau in grau. Dies gilt jedoch nicht nur im übertragenen Sinne - sie haben tatsächlich Probleme, Schwarz-Weiß-Kontraste zuverlässig zu erkennen. Mit einem speziellen Verfahren, dem Muster-Elektroretinogramm (pattern electroretinogram, PERG) konnte eine Arbeitsgruppe um Professor Ludger Tebartz van Elst vom Uniklinikum Freiburg dies sogar messen - und damit relativ zuverlässig Depressive von Nicht-Depressiven unterscheiden (Biol Psychiatry online).

Den Forschern war zuvor schon aufgefallen, dass Depressive oft über visuelle Wahrnehmungsveränderungen berichten. Sie gaben etwa an, Kontraste schlechter wahrzunehmen. Bekannt sind auch Verzögerungen bei evozierten Potenzialen auf visuelle Stimuli, und einige Bipolar-Patienten sind besonders lichtempfindlich. Inzwischen weiß man zudem, dass Kontraste bereits in der Retina stark verarbeitet werden, dort vor allem in den Ganglienzellen.

Signale von Ganglienzellen an der Cornea abgeleitet

Mit dem PERG, das sich am ehesten als eine Art Retina-EKG verstehen lässt, leiteten die Forscher nun an der Cornea Ströme ab, die hauptsächlich von den retinalen Ganglienzellen stammen und somit Einblicke in die Verarbeitung der optischen Reize in der Netzhaut liefern.

Für die Studie untersuchte das Team um Tebartz van Elst nun 40 Gesunde sowie 40 Depressive mit der nicht-invasiven Methode. Von den Depressiven stand wiederum die Hälfte unter medikamentöser Therapie, die andere Hälfte wurde bislang nicht mit Antidepressiva behandelt.

Bei den Tests schauten sich die Probanden etwa eine Stunde lang Schachbrettmuster mit unterschiedlichen Kontraststufen zwischen den hellen und dunklen Feldern an. Bei maximalem Kontrast (100 Prozent) waren die Felder folglich Schwarz und weiß, dazwischen gab es viele Graustufen.

Wie die Forscher nun feststellten, war die Reaktion der Depressiven auf Kontraste signifikant schwächer als bei Gesunden. So erzeugte ein Kontrast von 60 Prozent bei Depressiven ein PERG-Signal wie ein Kontrast von 20 Prozent bei Gesunden. Die Amplituden der Ableitung, also die Stärke der Antwort, war teilweise um den Faktor Sechs geringer als bei Gesunden. Antidepressiv behandelte Patienten schnitten zwar etwas besser ab als Patienten ohne Medikation, jedoch war dieser Unterschied nicht signifikant - bei fast allen Depressiven, egal ob mit oder ohne Medikation, war die Kontrastwahrnehmung folglich drastisch reduziert.

Schwache Retinapotenziale spüren Depressive auf

Die Forscher berechneten zudem, dass mit einem Schwellenwert von etwa 2μV bei 100 Prozent Kontrast sehr gut zwischen Gesunden und Depressiven unterschieden werden konnte. So lagen die gemessenen Potenziale bei 37 der 40 Gesunden über diesem Wert, nur bei drei lagen sie darunter. Die Spezifität betrug damit 93 Prozent. Von den 40 Depressiven zeigten 31 Patienten Amplituden unter dem Schwellenwert, neun lagen darüber. Die Sensitivität lag damit bei knapp 78 Prozent.

Ein weiteres Ergebnis: Je stärker die Depression ausgeprägt war, umso schwächer waren die abgeleiteten Kontrast-Amplituden. Daher könnte man per PERG mitunter auch den Therapie-Erfolg messen. Dies war in der Freiburger Studie jedoch kaum möglich, da die Patienten mit Antidepressiva größtenteils erst wenige Wochen vor dem Test auf die jeweiligen Arzneien ein- oder umgestellt wurden. Es war daher noch nicht klar, ob und wie gut sie darauf ansprechen. Immerhin, so die Autoren, deuten die ähnlichen Ergebnisse bei Depressiven mit und ohne Medikamente darauf, dass die verwendeten Arzneien keinen direkten Einfluss auf die Kontrastverarbeitung in der Retina haben. Die reduzierte PERG-Amplitude schien tatsächlich eine Folge der Depression zu sein.

Unklar ist allerdings, ob und wie andere psychische Krankheiten die Retinapotenziale verändern. Dies müsse nun in weiteren Studien geprüft werden.

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