Ärzte Zeitung online, 09.12.2010

Erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko bei Therapie mit trizyklischen Antidepressiva

LONDON (MUC/eo). Die Einnahme trizyklischer Antidepressiva (TCA) ist nach neuen Studiendaten mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert. Deshalb ist es sinnvoll, bei Patienten, die mit den älteren Antidepressiva behandelt werden, kardiovaskuläre Risikofaktoren verstärkt im Blick zu haben.

Erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko bei Therapie mit trizyklischen Antidepressiva

Aus den Daten lässt sich die Empfehlung begründen, bei Patienten, die mit den älteren Antidepressiva behandelt werden, kardiovaskuläre Risikofaktoren verstärkt im Blick zu haben.

© Ilona Baha / fotolia.com

Untersuchungen zu kardiovaskulären Nebenwirkungen von Trizyklika hat es in der Vergangenheit bereits gegeben, allerdings noch nicht an einem für die Gesamtbevölkerung repräsentativen Kollektiv. Diese Lücke ist jetzt durch die von Dr. Mark Hamer vom University College in London initiierte Kohortenstudie geschlossen worden.

Die Daten stammen vom Scottish Health Survey, in dem in der Zeit zwischen 1995 und 2003 schottische Bürger in regelmäßigen Abständen zu ihrer Gesundheit befragt wurden. Das Studienziel war zu klären, ob ein Zusammenhang zwischen der Einnahme antidepressiver Medikamente und der zukünftigen Entwicklung von Herzerkrankungen besteht.

Hamer suchte sich hierzu aus dem Survey die Berichte von 14784 Teilnehmern ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung heraus (es sollte explizit um die Neuentwicklung von Herzproblemen unter Antidepressiva gehen) und verknüpfte diese mit Berichten zu Klinikeinweisungen und Todesfällen (Eur Heart J 2010 online, doi: 10.1093/eurheartj/ehq438).

Von den Teilnehmern an der Hamer-Studie nahmen 729 (4,9 Prozent) Antidepressiva ein, wobei sich die Einnahme von Trizyklika und selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) in etwa die Waage hielt (2,2 bzw. 2 Prozent). Nach einem durchschnittlichen Follow-up von acht Jahren ereigneten sich 1434 kardiovaskuläre Ereignisse, davon verliefen 26,2 Prozent tödlich. Das Risiko für Herzerkrankungen war in der Trizyklika-Gruppe relativ um 35 Prozent erhöht.

Dagegen waren SSRI-Therapie mit keiner Zunahme des Herz-Kreislauf-Risikos assoziiert. Die Mortalität war weder unter Trizyklika noch unter SSRI signifikant erhöht.

Die Erklärung für das erhöhte kardiovaskuläre Risiko unter TCA liegt möglicherweise in der bei dieser Substanzklasse besonders ausgeprägten anticholinergen Wirkung. Diese geht mit einer Blockade der muscarinischen Acetylcholinrezeptoren im sinuatrialen Knoten des Herzens einher, wodurch wiederum die Aktivität des Parasympathikus gehemmt wird. Das Resultat ist eine beschleunigte Herzfrequenz sowie eine abnehmende Herzfrequenzvariabilität.

Die schottische Studie ist dadurch limitiert, dass die zugrunde liegende Kohortenstudie nicht darauf ausgelegt war, den Effekt von Antidepressiva auf Herzerkrankungen zu untersuchen. Ferner wurden weder Patienten-Compliance noch Dosierungen der eingenommenen Antidepressiva erfasst.

Dennoch lässt sich mit ihren Daten zumindest die Empfehlung begründen, bei Patienten, die mit den älteren Antidepressiva behandelt werden, kardiovaskuläre Risikofaktoren verstärkt im Blick zu haben.

Abstract der Studie "Antidepressant medication use and future risk of cardiovascular disease: the Scottish Health Survey"

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