Ärzte Zeitung, 17.11.2014

Depression

Was hilft im Alter?

Depressive Senioren bauen körperlich und geistig noch schneller ab - eine gute Therapie ist darum umso wichtiger. Eine neue Strategie von US-Forschern hat sich jetzt als besonders wirkungsvoll erwiesen.

Von Thomas Müller

Was hilft im Alter?

Alte Menschen mit Depressionen sind meist für klassische Psychotherapien nur schwer zugänglich.

© Scott Griessel / fotolia.com

WHITE PLAINS. Die Auswirkungen einer Depression bei alten Menschen werden oft unterschätzt: Wer den ganzen Tag Trübsal bläst, vergisst oft die lebenswichtigen Medikamente gegen seine chronischen Krankheiten, stirbt daher früher oder landet vorzeitig in einer Pflegeeinrichtung, so das Ergebnis epidemiologischer Studien.

Möglicherweise trägt auch die Depression selbst zu einem schnelleren körperlichen und geistigen Abbau bei.

Eine gute Therapie bei depressiven Senioren wäre also nicht nur wichtig, um sie emotional, sondern auch körperlich und geistig stabil zu halten. Allerdings wirken Antidepressiva in dieser Altersgruppe weniger gut - Studien deuten auf Ansprech- und Remissionsraten weit unter 40 Prozent.

Auf klassische Psychotherapien lassen sich viele alte Menschen nicht ein oder sind dafür aufgrund kognitiver Defizite nur bedingt geeignet, daher bleiben sie nicht selten unbehandelt.

Auf der Suche nach wirksamen antidepressiven Konzepten für diese Gruppe haben Gerontopsychiater um Dr. Dimitris Kiosses vom Weill Cornell Medical College in White Plains nun eine spezielle Anpassungs- und Problemlösungsstrategie für depressive Ältere geprüft.

An der Studie nahmen 74 Personen im Alter von über 65 Jahren teil, die alle noch zu Hause wohnten und zusätzlich zu einer ausgeprägten Depression leichte kognitive Defizite bis hin zu einer moderaten Demenz zeigten (JAMA Psychiatry 2014; online 5. November).

Trigger für emotionale Belastung

Die Hälfte der Patienten bekam eine supportive Behandlung, die aus zwölf wöchentlichen Psychotherapie-Sitzungen bestand. Dabei wurden allgemeine emotionsstabilisierende Fähigkeiten trainiert.

Die Patienten sollten etwa lernen, ihre Emotionen besser auszudrücken und das Augenmerk auf positive Erfahrungen zu richten. An den Sitzungen konnten auch betreuende Angehörige teilnehmen.

Die andere Hälfte bekam eine spezielle Anpassungs- und Problemlösungstherapie (PATH, Problem Adaption Therapy). Sie geht davon aus, dass ein Großteil der Depression alter Menschen auf ihren kognitiven und körperlichen Einschränkungen beruht: Sie kommen mit vielen Alltagssituationen nicht mehr zurecht.

Daher werden zunächst zusammen mit Patienten und Betreuern emotional belastende Situationen und Trigger ausfindig gemacht, also etwa Situationen, in denen sich die Patienten hilflos, wertlos oder hoffnungslos fühlen.

Als nächstes wird nach Kompensationsstrategien gesucht, um mit solchen Problemen fertig zu werden. Es wird etwa ein gut sichtbarer Platz für Dinge gewählt, die oft verlegt werden, oder die Therapeuten versuchen, schlecht hörende Patienten vom Nutzen eines Hörgeräts zu überzeugen.

Schließlich wird die Aufmerksamkeit der Patienten wieder mehr auf die positiven Seiten des Lebens gelenkt und daran erinnert, dass sie trotz ihrer zahlreichen Einschränkungen noch Freude am Leben haben können. Auch für PATH waren zwölf wöchentliche Sitzungen vorgesehen.

Bessere Stimmung und Funktion

Mit PATH gelang es, die Depression besser in den Griff zu bekommen und die Alltagsfunktion in einem größeren Ausmaß zu stärken als mit der supportiven Therapie. So sank der Wert auf der Montgomery-Asberg-Depressionsskala (MADRS) mit PATH von zu Beginn 21 Punkten auf etwa 10 Punkte, mit der supportiven Therapie dagegen nur auf etwa 16 Punkte.

Auf einer Funktionalitätsskala (WHO Disability Assessment Schedule II Score) verbesserte sich der Wert mit PATH von 33 auf 27 Punkte, mit der supportiven Behandlung bleib er praktisch unverändert (32 Punkte). In beiden Fällen ließ sich eine mittlere Effektstärke für PATH verglichen mit der unterstützenden Therapie errechnen (Cohen-d-Werten von 0,6 und 0,7).

Dies machte sich auch bei weiteren Parametern bemerkbar: So sprachen mit PATH deutlich mehr Patienten auf die antidepressive Therapie an (67 versus 32 Prozent), auch waren die Remissionsraten signifikant höher (38 versus 13 Prozent).

Eine Anpassungs- und Problemlösungsstrategie sei daher eine gute Wahl gerade für ältere Depressive mit kognitiven Einschränkungen, für die es sonst kaum wirksame therapeutische Optionen gebe, schreiben Kiosses und Mitarbeiter.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

"Mehr Geld für Kranke, weniger für Gesunde"

15:47Die Verteilungsregeln für den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen sollen deutlich verändert werden. Das hat ein Expertenkreis beim Bundesversicherungsamt jetzt vorgeschlagen. Die Meinung der Kassen ist geteilt. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »