Ärzte Zeitung, 03.05.2005

Versorgungsdefizite bei Epilepsiekranken

Landesärztekammer Baden-Württemberg stellt zweiten Epilepsiebericht vor / Nur wenige Spezialisten

STUTTGART. Die Versorgung epilepsiekranker Menschen in Baden-Württemberg hat sich verbessert, ist aber noch nicht gut. Zu wenig niedergelassene Ärzte und Kliniken haben sich bislang auf die Behandlung dieser Patienten spezialisiert.

Von Marion Lisson

Mit einem Enzephalogramm werden die Gehirnströme gemessen. Es ist die beste Möglichkeit, um Epilepsie zu diagnostizieren. Foto: dpa

Noch immer müßten Epileptiker und ihre Angehörigen zu lange Strecken in Kauf nehmen, um zu einem Spezialisten zu kommen, so Ursula Schuster, Mutter eines epilepsiekranken Sohnes, bei einer Pressekonferenz der Landesärztekammer in Stuttgart. "Ich würde es begrüßen, wenn es mehr Schwerpunktpraxen für Epilepsiekranke geben würde", so Schuster, die seit neunzehn Jahren Vorsitzende des Landesverbandes Epilepsie-Selbsthilfegruppe Baden-Württemberg ist.

Von insgesamt 10,7 Millionen Einwohnern in Baden-Württemberg sind 85 000 Menschen Epileptiker. Etwa 31 000 davon sind Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. 25 Prozent der Patienten mit Epilepsie gelten als pharmakoresistent, das heißt, sie haben trotz adäquater medikamentöser Therapie weiterhin Anfälle.

"Das bedeutet, daß allein in Baden-Württemberg 19 000 solcher Patienten zu betreuen sind", so Dr. Johannes Garvelmann aus Knittlingen. Garvelmann ist auch Mitverfasser des 2. Epilepsie-Berichtes der Landesärztekammer, der jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist.

Neuer EBM bedroht die optimale Versorgung

In Stuttgart berichtete der niedergelassene Arzt, daß zum Beispiel für die Behandlung der Kinder und Jugendlichen in Absprache mit den niedergelassenen Hausärzten rund 19 Praxen für Kinder- und Jugendmedizin mit neuropädiatrischem Schwerpunkt und 12 Epilepsie-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche zuständig seien. Schwierige Fälle würden an Spezialeinrichtungen in Kliniken überwiesen.

"Im bundesdeutschen Vergleich besteht damit in unserem Bundesland noch eine überdurchschnittlich gute Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie", so sein Fazit. Doch seine Einschränkung folgt zugleich: "Der neue EBM plus stellt jedoch eine existentielle Bedrohung für die Versorgung Epilepsiekranker dar." Epileptologische Leistungen würden hier nicht vergütet.

Eine Schieflage im Honorargefüge bestätigen auch die Verfasser des Epilepsieberichtes. Besonders diejenigen Hausärzte oder Fachärzte, die im Vergleich überdurchschnittlich viele dieser Problempatienten behandeln würden, könnten ins Trudeln geraten. Zehn Prozent Problempatienten, seien grundsätzlich noch bei der Mischkalkulation eines jeden Praxischefs tragbar.

Würden aber im Rahmen der epileptologischen Schwerpunktbildung nicht nur wie üblich 20 bis 50 sondern 200 oder 300 Epilepsiepatienten pro Quartal behandelt, verschiebe sich das Verhältnis der Einzelleistungsvergütungen untereinander drastisch, so die Autoren. Ihr Fazit: "Im aktuellen Vergütungssystem sind die notwendigen und zeitaufwendigen Untersuchungs- und Betreuungsleistungen unterbewertet."

Bisherige Anträge bei der KV von Seiten der Schwerpunktpraxen seien jedoch mit dem Hinweis abgelehnt worden, daß "der Schwerpunkt Epileptologie im Abrechnungssystem nicht abbildbar ist", so die Verfasser des Epilepsieberichtes. Daran habe sich auch mit Einführung des EBM 200 plus nichts geändert, ergänzt Garvelmann.

Sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich gebe es noch deutliche Defizite, warnt auch Landesärztekammerpräsidentin Dr. Ulrike Wahl. Zwar bestehe inzwischen die Möglichkeit, Schwerpunktpraxen für Epileptologie zu bilden, bei denen niedergelassene Neurologen, Nervenärzte und Kinderärzte ihr spezifisches Wissen und spezialisierte Untersuchungen anbieten könnten. Leider werde in Baden-Württemberg jedoch noch immer vom Sozialministerium die neue Weiterbildungsordnung der Ärzte blockiert. Hierin ist erstmals ein Schwerpunkt Neuropädiatrie vorgesehen.

Betroffene hoffen, daß die Diskriminierung zurückgeht

Möglich sei derzeit jedoch für interessierte Mediziner das Zertifikat "Epileptologie plus" der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie zu erwerben (DGfE). Bislang haben sieben von insgesamt 1632 niedergelassenen Neurologen und Neuropädiatern sowie 14 von 2197 Pädiatern das Zertifikat erworben. 19 Kinderärzte sind insgesamt als Neuropädiater tätig.

In Ergänzung zum Erwerb dieses Zertifikates können seit dem März 2003 Facharztpraxen als "epileptologische Schwerpunktpraxen" zertifiziert werden, wenn sie besonders qualitative, apparative, personelle und organisatorische Vorraussetzungen erfüllen.

"Wir hoffen, daß die ärztliche Versorgung noch weiter verbessert, die Schwerpunktpraxen zunehmen und auch finanziell unterstützt werden und daß Epilepsiekranke in diesem Jahrhundert irgendwann einmal nicht mehr diskriminiert werden", so Ursula Schuster von der Selbsthilfegruppe.

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