Ärzte Zeitung online, 04.12.2018

Daten aus den USA

Jungs haben vor der Pubertät so oft Essstörungen wie Mädchen

1,4 Prozent der Kinder in den USA haben schon vor der Pubertät eine Essstörung. Jungen sind dabei ähnlich oft betroffen wie Mädchen, haben Wissenschaftler nun herausgefunden.

Von Thomas Müller

Jungs haben vor der Pubertät so oft Essstörungen wie Mädchen

Falsches Körperbewusstsein schon bei unter 10-Jährigen: Es gibt Hinweise, dass die Prävalenz von Essstörungen in den vergangenen beiden Dekaden gerade unter vorpubertären Kindern deutlich zugenommen hat.

© stock.adobe.com/upslim

SAN DIEGO. Kinder vor der Pubertät leiden möglicherweise häufiger an Essstörungen als bislang gedacht. So kamen die Autoren einer vor acht Jahren veröffentlichten US-Studie noch zu dem Schluss, dass nur ein Promille der Kinder im Alter von acht bis elf Jahren eine Essstörung hat. Die Daten beruhten auf einer Erhebung der Jahre 2001 bis 2004.

Inzwischen gebe es jedoch Hinweise, dass die Prävalenz von Essstörungen in den vergangenen beiden Dekaden gerade unter vorpubertären Kindern deutlich zugenommen habe, berichten Psychologen um Kaitlin Rozzell von der San Diego State University. Dies bestätigten die Psychologen jetzt mit der Studie „Adolescent Brain Cognitive Development“ (ABCD) (JAMA Ped 2018, online 26. November).

Für die Untersuchung wurden in den Jahren 2016 und 2017 Daten zu über 4500 repräsentativ ausgewählten Kindern im Alter von neun und zehn Jahren erhoben. Anhand der aktuellen DSM-5-Kriterien hatten Wissenschaftler auch die Prävalenz von spezifischen Essstörungen bestimmt. In der vorhergehenden Erhebung war lediglich per DSM-IV die Häufigkeit von Essstörungen allgemein ermittelt worden.

Kaum Geschlechterdifferenzen?

Das Forscherteam um Rozzell fand nun bei 52 Kindern eine Essstörung – das sind 1,4 Prozent. Zum Vergleich: Bei Jugendlichen und Erwachsenen wird eine Prävalenz von 3 bis 5 Prozent angenommen. Die Prävalenz unter vorpubertären Kindern erscheint damit 14-fach höher als noch zu Beginn des Jahrhunderts. Ob der Unterschied tatsächlich so groß ist, lässt sich aber schlecht sagen, da andere Diagnosekriterien verwendet wurden.

Geschlechterdifferenzen wurden bei den Neun- bis Zehnjährigen hingegen kaum beobachtet. Jungen waren sogar etwas häufiger betroffen als Mädchen (1,6 versus 1,1 Prozent), der Unterschied erwies sich jedoch als nicht signifikant.

Auch hier der Vergleich: Mädchen in der Pubertät und junge Frauen sind drei- bis sechsfach häufiger betroffen als Jungen und Männer.

Binge-Eating bei Jungs häufiger

Die Kriterien für eine Anorexie erfüllten nur drei Kinder – alle Jungen. Die Kriterien für eine Bulimie erfüllte kein Kind, aber immerhin 23 hatten eine Binge-Eating-Störung (0,6 Prozent), und auch hier waren Jungen etwas häufiger vertreten. Bei 26 Kindern (0,7 Prozent) diagnostizierten die Studienärzte eine nicht weiter spezifizierte Essstörung (Other Specified Feeding or Eating Disorder, OSFED). Solche Kinder haben Bulimie-, Anorexie- und/oder Binge-Eating-Symptome, erfüllen aber nicht die Kriterien für eine spezifische Diagnose. Mädchen und Jungen waren gleichermaßen von OSFED betroffen.

111.000 Kinder mit Essstörungen

Hochgerechnet auf die US-Bevölkerung hätten nach diesen Resultaten 111.000 Kinder im Alter von neun und zehn Jahren eine Essstörung.

Insgesamt scheinen sich Geschlechterunterschiede bei der Prävalenz von Essstörungen erst mit der Pubertät herauszubilden, folgern Rozzell und Mitarbeiter. Sie wollen aber nicht ausschließen, dass sie solche Unterschiede nicht aufspüren konnten, weil ihre Stichprobe zu klein war.

Das Wichtigste in Kürze

- 1,4 Prozent der Neun- und Zehnjährigen in den USA sind nach den DSM-5-Kriterien von Essstörungen betroffen, Jungen ähnlich häufig wie Mädchen.

- Die Prävalenz von Essstörungen unter Kindern hat möglicherweise zugenommen, Mädchen entwickeln erst ab der Pubertät häufiger Essstörungen als Jungs.

- Einschränkung: Kleine Stichprobe

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