Ärzte Zeitung online, 23.09.2010

Gibt es ein Revival der Zelltherapie bei Morbus Parkinson?

Soll man tatsächlich wieder mit Zelltherapien bei Parkinson-Patienten beginnen? Nach einigen Fehlschlägen wollen Forscher jetzt mit verbesserten Transplantationsmethoden die Frage klären, ob der Zellersatz tatsächlich nützt. Einige Experten sehen das aber sehr skeptisch.

Von Thomas Müller

Gibt es ein Revival der Zelltherapie bei Morbus Parkinson?

Eine nach vorne gebeugte Haltung ist bei vielen Patienten mit Morbus Parkinson typisch. Für die Therapie der Erkrankung setzen Forscher jetzt neue Hoffnung auf die Zelltherapie.

© Deutsche Parkinson Vereinigung

Spätestens Ende 2003 war es vorbei mit Zellersatz-Therapien bei Morbus Parkinson.

Zu diesem Zeitpunkt waren zwei Placebo-kontrollierte Studie erschienen, in denen solche Therapien den meisten Patienten kaum nutzten, einigen aber deutlich schadeten: So induzierten die transplantierten fetalen dopaminergen Zellen bei manchen Patienten schwere Dyskinesien.

Die Ergebnisse standen aber im Widerspruch zu mehreren offenen Studien, in denen sich die motorischen Symptome, gemessen mit der UPDRS-Skala, um bis zu 70 Prozent reduzierten. Einige Patienten konnten nach der Zelltransplantation sogar auf Medikamente ganz verzichten.

Diese konträren Ergebnisse haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren stark beschäftigt - sie haben inzwischen intensiv nach möglichen Ursachen für die Diskrepanz gefahndet. So glaubt Dr. Tobias Piroth vom Neurozentrum in Freiburg nach wie vor daran, dass eine Neuro-Restauration in klar begrenzten Hirnarealen durch Zellersatz möglich ist.

Bei der Neuro-Restauration sollen die übertragenen, noch nicht ganz differenzierten Zellen, den Platz zerstörter Neurone einnehmen, und zwar auch funktionell: Sie sollen dort überleben, ausdifferenzieren und sich in die Gewebearchitektur integrieren.

Dass fetale menschliche Hirnzellen dazu tatsächlich in der Lage sind, lasse sich in Autopsie-Gewebe von Patienten beobachten, die solche Zellen erhalten und zum Teil 16 Jahre damit gelebt hatten, sagte Piroth auf der Neurowoche in Mannheim.

Selbst nach 16 Jahren ließen sich die übertragenen Zellen noch post mortem im Hirngewebe nachweisen, sie trugen die üblichen neuronalen Marker der umgebenden Neurone und waren in das Hirngeweben integriert. Bei einigen der Patienten verbesserte sich nicht nur die Dopaminproduktion, sondern auch die Durchblutung in manchen Hirnarealen, was auf weitere günstige Effekte der Transplantation deute.

Allerdings: In einer Post-mortem-Analyse fanden Forscher auch die Parkinson-typischen Lewy-Körperchen in den transplantierten Zellen. Dies heizte Spekulationen an, dass Parkinson vom kranken Gewebe auf die transplantierten Zellen übertragen wird - und das würde einen langfristigen Therapieerfolg infrage stellen. Die Lewy-Körperchen konnten jedoch in anderen Analysen nicht gefunden werden, Piroth schließt daher nicht aus, dass es sich bei dem Befund um ein Artefakt handelt.

Hoffnung macht den Forschern auch eine neue Erkenntnis zu den Ursachen der Dyskinesien. So wurden bei Patienten mit Medikations-unabhängigen Dyskinesien eine serotonerge Hyperinnervation im Striatums gefunden, und zwar in den Arealen, in denen sich transplantierte Zellen befanden (Sci Transl Med 2010; 2: 38ra46).

Piroth hält es für möglich, dass die Transplantate bei den Dyskinesie-Patienten nicht nur dopaminerge, sondern auch serotonerge Zellen enthalten hatten und die Zellen folglich nicht sauber aus dem ventralen Mesencephalon der abgetriebenen menschlichen Feten entnommen wurden. Auch wurden die Zellen in den beiden kontrollierten Studien möglicherweise zu lange kultiviert und falsch separiert.

Inzwischen wisse man, dass eine enzymatische Trennung der Zellen besser klappt als eine mechanische, sagte Piroth. Zudem seien in den beiden negativen Studien Immunsuppressiva möglicherweise zu früh abgesetzt worden, wie eine Nachauswertung ergeben habe. Das könne den geringen Nutzen erklären.

Diese Erkenntnisse sollen jetzt in neue klinische Studien einfließen. So nahm vor kurzem das EU-unterstützte Multicenter-Konsortium Transeuro seine Arbeit auf. Es will optimale Bedingungen für Zelltransplantationen ausloten und neue klinische Studien initiieren.

Mit solchen Studien sollten Ärzte aber lieber noch etwas warten, entgegnete Professor Alexander Storch vom Zentrum für Regenerative Therapien in Dresden. Er hält es für besser, wenn die Wissenschaftler zunächst einmal all die offenen und kritischen Fragen einer Zelltransplantation im Labor klären, bevor sie sich damit wieder an Menschen trauen.

So wurden die Zellen in der Vergangenheit aus technischen Gründen nicht in die Substantia nigra transplantiert, in der bei Parkinson der Zellverlust auftritt, sondern ins Striatum. Da die Zellen sich dort am falschen Ort befinden, agierten sie höchstens als Dopaminpumpe, könnten sich aber nicht funktionell integrieren. Hier müssten zunächst einmal Strategien entwickelt werden, um die Zellen gezielt in die Substantia nigra zu übertragen.

Auch seien fetale Zellen nicht besonders geeignet. Besser wären Zellen, die nicht immunogen sind, etwa induzierte pluripotente Stammzellen, die vom Patienten gewonnen werden können. Diese müssten aber sicher in dopaminerge Zellen überführt werden, und dafür sei noch viel Forschung nötig. Storch gab auch zu bedenken, dass sich Parkinson möglicherweise auf das transplantierte Gewebe ausbreitet und zerstört, auch das müsse erst geklärt werden.

Einig waren sich Piroth und Storch darin, dass man zumindest keine Placebo-kontrollierten Studien mehr machen sollte. In diesen Studien bohrte man "Placebo-Patienten" zwar ein Loch in den Schädel, sie bekamen aber keine Zellen übertragen. Dies sei nach den heutigen ethischen Kriterien nicht vertretbar. Kontrollgruppen seinen aber dennoch nötig. Vielleicht werden künftige restaurative Therapien dann gegen eine Tiefenhirnstimulation geprüft, die ja ebenfalls eine Operation erfordert.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kein Fortschritt ohne Fehlschläge

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