Ärzte Zeitung, 27.09.2017
 

Parkinson-Patientin

Der Rückenschmerz kam von den Gesäßnerven

Vier Jahre lang hatte eine Parkinsonpatientin unter schweren Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich gelitten. Dann stieß ein Team aus Neurochirurgen auf die Ursache: Ein Engpass-Syndrom der Gesäßnerven.

Von Elke Oberhofer

Der Rückenschmerz kam von den Gesäßnerven

Ursache von Rückenschmerz: In einem Fall war ein Gesäßnerv zwischen vorderem und hinterem Darmbeinstachel eingeklemmt.

© high_resolution / stock.adobe.com

KUSHIRO. Die Rückenschmerzen einer 76-jährigen Japanerin waren über die Jahre immer schlimmer geworden; zuletzt konnte sie schmerzbedingt keine zehn Meter mehr laufen und war auf einen Rollstuhl angewiesen. In diesem Zustand wurde die Patientin, die auch an Morbus Parkinson litt, in der Abteilung für Neurochirurgie des Kushiro Rosai Hospital vorstellig (Eur Spine J 2017; online 5. Juli).

Dort stellten die Spezialisten fest: Die vor allem rechtsseitig ausgeprägten Schmerzen im Lendenwirbelbereich wurden bei Bewegung schlimmer, strahlten ins rechte Bein und waren mit einem Taubheitsgefühl verbunden. Eine MRT-Untersuchung offenbarte eine Spinalkanalstenose in mehreren Ebenen.

Verdacht auf Engpass-Syndrom

Bei der Palpation stießen die Ärzte auf zwei extrem berührungsempfindliche Punkte: Der eine saß 7 cm lateral der Beckenkamm-Mittellinie, der andere etwa 3 cm kaudal der Spina iliaca posterior superior, etwa dort, wo sich die berühmten Grübchen über dem Po zeigen. Anhand dieser Befunde stellten die Neurochirurgen die Verdachtsdiagnose eines Engpass-Syndroms, von dem offenbar sowohl die oberen als auch die mittleren Gesäßnerven betroffen waren.

Bei den sogenannten Nervi clunium handelt es sich um Äste der Rückenmarksnerven; die Nn. clunium superiores (superior cluneal nerve, SCN) entstammen den ersten drei Lendensegmenten (L1–3) des Rückenmarks, die Nn. clunium medii (middle cluneal nerve, MCN) den ersten drei Kreuznerven (S1–3).

Der Engpass, so das Team um Dr. Kyongsong Kim, trat im Falle des SCN beim Übertritt über den Darmbeinkamm auf. Beim MCN bestand die Engstelle beim Durchtritt des Nerven durch das Ligamentum sacroiliacum posterius (LPSL) zwischen Spina iliaca posterior superior und inferior.

Die Ätiologie ist den Wissenschaftlern zufolge unklar. In diesem Fall steht zu vermuten, dass der aufgrund der Parkinsonerkrankung erhöhte paravertebrale Muskeltonus zur Nerveneinklemmung beigetragen hat. Viele Parkinsonpatienten, so die Studienautoren, leiden an Muskelschmerzen, die sich auf die zunehmende Steife und Akinesie zurückführen lassen. Der erhöhte Muskeltonus und die abnorme Haltung aufgrund der Überbeanspruchung der Paravertebralmuskeln könnten den SCN-Engpass verursacht haben, spekulieren die Experten. In diesem Fall hatten sich die Beschwerden durch den gleichzeitigen MCN-Engpass verschlimmert. Der mittlere Gesäßnerv war durch das starke LPSL wie bei einem Sandwich zwischen dem vorderen und hinteren Darmbeinstachel eingeklemmt.

Die Therapie bestand in einer Nervenblockade mit einem Lokalanästhetikum. Dabei erwies sich vor allem die (wiederholte) MCN-Blockade als überraschend effektiv.

Schmerzen deutlich gebessert

Bei Entlassung hatten sich die Schmerzen der Frau deutlich verbessert, von einer 8 auf der numerischen Rating-Skala war der Wert auf 1 gesunken, im Roland-Morris-Disability-Questionnaire, in dem die Patientin zuvor eine 19 gezeigt hatte, fand sich jetzt eine 0 für "keine Beeinträchtigung". Berührungsschmerzen ließen sich nicht mehr auslösen.

Im weiteren Verlauf stellte sich erneut ein rechtsseitiger Schmerz mit Berührungsempfindlichkeit um den oben beschriebenen MCN-Triggerpunkt ein. Daraufhin entschlossen sich die Ärzte zur Neurolyse: Unter Lokalanästhesie wurde das LPSL exzidiert und dadurch der MCN entlastet. Danach besserten sich die Beschwerden dauerhaft. Bei der letzten Nachbeobachtung sieben Monate nach dem Eingriff war die Patientin komplett frei von Rückenschmerzen.

Kurz erklärt: Nervi clunium

  • Bei den Nervi clunium handelt es sich um Äste der Rückenmarksnerven.
  • Die Nn. clunium superiores entstammen den ersten drei Lendensegmenten (L1–3) des Rückenmarks.
  • Die Nn. clunium medii entstammen den ersten drei Kreuznerven (S1–3).

    Schreiben Sie einen Kommentar

    Überschrift

    Text

    Die Newsletter der Ärzte Zeitung

    Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

    Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

    Statine mit antibakterieller Wirkung

    Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

    Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie

    Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »

    Jamaika – Paritätische Finanzierung ist vom Tisch

    Ein neues Sondierungspapier zeigt: Die potenziellen Jamaika-Partner suchen nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner in der Gesundheitspolitik. mehr »