Ärzte Zeitung, 26.06.2007

Plädoyer für frühe Therapie bei MS

Studie belegt Vorteil früher MS-Behandlung / Krankheitsverlauf signifikant verzögert

LEVERKUSEN (skh). Wenn Patienten mit Multipler Sklerose ihren ersten Schub haben, so wird damit die schon lange andauernde Demyelinisierung manifest. Eine frühe Therapie schon bei Erstmanifestation verringert das Risiko von irreversiblen Axon-Schäden und bremst den Verlauf.

Ein wichtiges Argument für eine Frühtherapie mit IFN beta-1b haben die Daten der BENEFIT-Studie (Betaferon in Newly Emerging MS for Initial Treatment) geliefert. Nun soll in einer integrierten Drei-Jahres-Analyse die sofortige mit einer verzögerten Behandlung mit IFN beta-1b verglichen werden, sagt Professor Bernhard Hemmer von der Neurologischen Klinik an der TU München.

In der BENEFIT-Untersuchung wurden zwei Jahre lang 292 der 468 Patienten alle zwei Tage mit 250 µg IFN beta-1b subkutan behandelt, 176 bekamen Placebo. Studien-Endpunkt war die Zeit bis zum Übergang eines klinisch isolierten Syndroms (CIS), also bei einem ersten klinischen MS-Schub und positivem MRT-Befund, in eine klinisch determinierte MS (CDMS), berichtete Hemmer bei einer Veranstaltung von Bayer Schering Pharma. Als Schub sind neurologische Ausfälle oder die Verschlechterung der Symptome über mindestens 24 Stunden definiert.

Ergebnis: Das klinische Fortschreiten bei MS wurde durch die Therapie mit IFN beta-1b signifikant verzögert. Mit Placebo hatten 45 Prozent der Patienten innerhalb von zwei Jahren eine CDMS und 85 Prozent eine MS nach den McDonald-Kriterien. Mit IFN beta-1b (Betaferon®) hatten 28 Prozent eine CDMS und 69 Prozent eine MS nach McDonald.

In den 60 Tagen vor Therapiebeginn hatten die Patienten erstmals ein CIS gehabt. Der durchschnittliche Ausgangswert auf der EDSS-Skala (expanded disability status scale) lag bei 1,5. Eine CDMS war definiert durch das Auftreten von mindestens einem weiteren MS-Schub, von neuen MRT-Läsionen und einer Zunahme des EDSS-Wertes um mindestens 1,5 oder einen Gesamtwert von mehr als 2,5. In die McDonald-Kriterien gehen die Zahl der MS-Schübe, der MRT- und der Liquorbefund ein.

Derzeit werden die BENEFIT-Patienten sowohl aus der Verum- als auch aus der Placebo-Gruppe weiter mit Interferon beta-1b behandelt. In einer integrierten Drei-Jahres-Analyse soll die sofortige Therapie (ab dem Zeitpunkt des ersten MS-verdächtigen Schubs) mit einer Therapie ab dem Zeitpunkt einer klinisch gesicherten MS oder nach 2 Jahren verglichen werden, so Hemmer.

STICHWORT

EDSS-Skala

Die "EDSS" (expanded disability status scale) ist eine Skala für den Grad der Behinderung bei MS-Patienten (Neurology 33, 1983, 1444). Es sind Werte von 0 (keine neurologischen Defizite) bis 10 (Tod infolge MS) möglich. Nach einer ärztlichen Untersuchung werden Punkte für folgende funktionelle Systeme vergeben: Pyramidenbahn (zum Beispiel Lähmungen), Kleinhirn (Ataxie, Tremor), Hirnstamm (Sprach- oder Schluckstörungen), Sensorium, Blasen- und Mastdarmfunktionen, Sehfunktionen (eingeschränktes Gesichtsfeld), zerebrale Funktionen (Wesensveränderung, Demenz). (skh)

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