Ärzte Zeitung, 17.07.2007
 

Noch immer wird mit MS-Therapie oft spät begonnen

Bei jedem zweiten Patienten mit MS vergeht mindestens ein Jahr bis zum Therapiestart / Nur 39 Prozent werden sofort nach Diagnose behandelt

FRANKFURT AM MAIN (hbr). Zwar wird bei 60 Prozent der MS-Patienten innerhalb von drei Monaten nach Symptombeginn die Diagnose gestellt, trotzdem werden viele dieser Patienten nicht sofort behandelt. So vergeht bei jedem zweiten Patienten mit MS mindestens ein Jahr bis zum Therapiestart.

Es gibt viele Gründe für die Verzögerung der Therapie. So ziehen sich einige Patienten nach einem Therapievorschlag zunächst zurück. Oder es geht bis zur Diagnose wertvolle Zeit verloren - nur 57 Prozent der Betroffenen erhielten die MS-Diagnose einer Befragung mit 430 Patienten zufolge in den drei Monaten nach Auftreten der ersten Symptome. Das liegt auch an den anfangs oft unspezifischen Zeichen der Krankheit: 37 Prozent der Patienten bemerkten zunächst Sensibilitätsstörungen, 35 Prozent Doppelbilder wegen einer Sehnerv-Entzündung, sechs Prozent Schwindel und nur zwölf Prozent Lähmungen.

Weil solche Symptome von Nicht-Medizinern kaum einer neurologischen Krankheit zugeordnet werden, gingen nur 14 Prozent direkt zu einem Neurologen, und nur jeder siebte erhielt schon beim ersten Arztbesuch die Diagnose.

Von den übrigen 364 Patienten stellten sich 245 bei mindestens drei und jeder sechste sogar bei fünf oder mehr Ärzten vor, bis die Ursache feststand. Das alles verzögert den Therapiestart, während der Untergang neuronaler Strukturen voranschreitet. Um die Zerstörung früh abzubremsen, sei eine rasche Therapie nötig. Denn, so Privatdozent Sigbert Jahn vom Unternehmen Merck Serono: "Was einmal verloren ist, kann durch die Therapie nicht mehr aufgeholt werden."

Nach Angaben von Jahn, der die Befragungs-Ergebnisse bei einer Veranstaltung des Unternehmens in Frankfurt/Main vorgestellt hat, wurden Besucher der Internet-Seite www.leben-mit-ms.de befragt. 80 Prozent der MS-Patienten suchten in den ersten drei Monaten nach Symptombeginn einen Arzt auf. Bei 39 Prozent wurde - den Leitlinien entsprechend - bei der Diagnose mit der Behandlung begonnen. Aber bei 52 Prozent verging mehr als ein Jahr bis zum Therapiestart.

STICHWORT

Multiple Sklerose

Von der Erkrankung Multiple Sklerose (MS) sind Frauen etwas häufiger betroffen als Männer. Die meisten Erkrankungen treten im Alter zwischen 20 und 40 Jahren auf, jenseits des Alters von 55 bis 60 Jahren gibt es keine Neuerkrankungen mehr. In Mitteleuropa liegt die MS-Inzidenz bei 3 bis 7 pro 100 000 Einwohnern. Jeder der etwa 120 000 MS-Kranken in Deutschland verursacht pro Jahr im Durchschnitt 33 000 Euro Kosten. (nsi)

Topics
Schlagworte
Multiple Sklerose (726)
Organisationen
Merck (946)
Krankheiten
Multiple Sklerose (1141)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Vom Sinn und Unsinn medikamentöser Arthrose-Therapien

Arthrosebeschwerden sind weit verbreitet und nur begrenzt medikamentös behandelbar. Ein Update zur Evidenzlage medikamentöser Therapien wurde nun präsentiert. mehr »

Diesen Effekt haben Walnüsse auf Lipide

Die Lipidsenkung durch den täglichen Verzehr von Walnüssen stellt sich offenbar unabhängig davon ein, ob man dabei auf Kohlenhydrate oder Fette oder auf beides verzichtet. mehr »

Weltärztebund und Papst im Dialog zur Palliativmedizin

Seltene Kooperation: Weltärztebund und Papst sprechen sich für ein Sterben in Würde aus, aber gegen Euthanasie und assistiertem Selbstmord. mehr »