Ärzte Zeitung, 28.04.2008

Langzeittherapie nach dem zweiten Schub

Bei Kindern und Jugendlichen orientiert sich die MS-Therapie an der bei Erwachsenen / Kontrollierte Studien fehlen

JENA. Bisher gibt es für Kinder mit MS keine evidenzbasierte Therapie. Beobachtungen und erste offene Studien deuten jedoch darauf, dass eine Akuttherapie mit Steroiden und eine Langzeittherapie mit Interferonen ähnlich gut wirksam und verträglich sind wie bei Erwachsenen. Eine Langzeittherapie erwägen Ärzte bereits bei einem zweiten MS-Schub.

Von Thomas Müller

Zur Therapie von Kindern mit MS gibt es derzeit noch keine prospektiven kontrollierten Studien. Daran hat die Neuropädiaterin Professor Jutta Gärtner aus Göttingen beim Kongress in Jena erinnert. "Wir halten uns daher bislang an die Therapierichtlinien bei Erwachsenen", sagte Gärtner auf einem von Merck Serono unterstützten Symposium. So werde oft die Dosis für Erwachsene auf das Körpergewicht von Kindern umgerechnet. Werde bei Erwachsenen jedoch ein früher Beginn einer immunmodulatorischen Therapie gefordert, so sei man damit bei Kindern etwas vorsichtiger, sagte Gärtner.

Beim ersten Schub bekommen ihre Patienten zunächst nur eine Akuttherapie mit Methylprednison, bei Versagen dieser Behandlung, dann eine Plasmapherese. "Kommt ein zweiter Schub, empfehlen wir eine regelmäßige Verlaufskontrolle", so Gärtner. Je nach Schwere des Schubs und Einstellung der Eltern werde eine immunmodulatorische Langzeittherapie begonnen.

Bei mehr als zwei Schüben wird auf jeden Fall eine Langzeittherapie empfohlen, wenn das Schub-Intervall weniger als zwei Jahre beträgt - und dies ist häufig der Fall: Von 126 Kindern und Jugendlichen mit MS, die an der Uniklinik Göttingen in den vergangenen Jahren behandelt worden waren, hatten insgesamt 64 eine Langzeittherapie erhalten, und zwar 58 mit Interferonen, 2 mit Glatirameracetat und vier mit Immunglobulinen. Letztere würden inzwischen nicht mehr verwendet, da man Interferone bevorzuge. Bei nur neun Patienten brachten Immunmodulatoren keinen Erfolg, hier wurde mit Azathioprin und Mitoxantron immunsupprimiert. Auch mit Natalizumab seien bei solchen Patienten Erfolge erzielt worden. Bei nur zwei Patienten versagte die Akuttherapie, bei ihnen war eine Plasmapherese nötig.

"Zur Langzeittherapie verwenden wir am häufigsten Interferone", so Gärtner. Sie würden nach ihren Beobachtungen ähnlich gut vertragen wie bei Erwachsenen, auch sei der Therapieerfolg vergleichbar.

Gestützt werden solche Beobachtungen durch eine retrospektive Analyse von 51 Kindern und Jugendlichen, die mit Interferon beta-1a (Rebif®) behandelt wurden. Die Kinder waren alle zwischen 7 und 16 Jahren alt. Sie erhielten meist die gleiche Dosis in der gleichen Frequenz wie Erwachsene (22 bis 44 g). Insgesamt reduzierte sich die Schubrate mit der Therapie um mehr als die Hälfte von 1,9 Schüben auf 0,8 Schübe pro Jahr, der EDSS-Wert blieb bei 48 Patienten stabil. Die Therapie wurde ähnlich gut vertragen wie bei Erwachsenen. Das Medikament ist inzwischen für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen.

Diagnose bei Kindern mit MS

MS-Symptome bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich klinisch nicht wesentlich von denen bei Erwachsenen. Poly- und monosymptomatische Schübe treten nach Angaben von Professor Jutta Gärtner zum Krankheitsbeginn ähnlich oft auf. Häufig sind visuelle Störungen und eine Hirnstammsymptomatik. Zur Diagnose werden ebenfalls die Mc-Donalds-Kriterien verwendet - danach gilt eine MS etwa als gesichert bei mindestens zwei Schüben und zwei im MRT nachweisbaren Läsionen oder zwei Schüben, einer Läsion und positivem Liquorbefund (oligoklonale Banden). Allerdings treten oligoklonale Banden bei Kindern mit MS wesentlich seltener auf als bei Erwachsenen.

Auszuschließen sind bei Kindern vor allem post- und para- infektiöse Enzephalitiden, Leukodystrophien und Leukoenzephalitiden - sie können ebenfalls zu einer Demyelinisierung führen. Mitochondriopathien erinnern über ihren schubförmigen Verlauf oft an eine MS, und Tumoren sehen im MRT mitunter ähnlich aus wie MS-Läsionen. (mut)

MS bei Kindern

Von den etwa 100 000 Patienten mit MS in Deutschland sind etwa fünf Prozent Kinder und Jugendliche. Weniger als ein Prozent der MS-Patienten haben eine "True Childhood MS", sind also bei Krankheitsbeginn bis zu zehn Jahre oder jünger. Insgesamt erkranken nach Schätzungen jedes Jahr 200 Kinder und Jugendliche in Deutschland neu an MS. Etwa zwei Drittel der Patienten sind Mädchen. Die Krankheit verläuft bei Kindern und Jugendlichen fast ausschließlich schubförmig. (mut)

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