Ärzte Zeitung online, 06.07.2009

Multiple Sklerose: Wohltäter im Gehirn

WÜRZBURG (eb). Die Entzündung im Gehirn von Patienten mit Multipler Sklerose wird vom Immunsystem ausgelöst. Doch ein Typ von Immunzellen stemmt sich gegen das zerstörerische Werk - womöglich lässt er sich künftig für therapeutische Zwecke einspannen.

In entzündeten Gehirnregionen von Patienten mit Multipler Sklerose kommen zerstörerisch wirkende T-Zellen vor (rot), aber auch solche mit Schutzfunktion (grün). In Grün sichtbar gemacht ist das HLA-G-Oberflächenprotein, das nur auf den schützenden Zellen auftritt.

Foto: Heinz Wiendl

Die "wohltätigen" Immunzellen neigen besonders stark dazu, aus dem Blut in entzündetes Nervengewebe einzuwandern. "Sie werden von speziellen Lockstoffen angezogen und blockieren im Gehirn die negativen Wirkungen von anderen Immunzellen", erklärt Professor Heinz Wiendl von der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg (Annals of Neurology online vorab, 2009).

Gewonnen wurden die Erkenntnisse aus Experimenten mit Blut, Hirnwasser und Gewebe von Patienten, die an Multipler Sklerose und anderen entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems leiden.

Erstmals überhaupt sei damit belegt, dass im Gehirn von Multiple-Sklerose-Patienten auch schützende Immunaktivitäten ablaufen. Die allerdings sind offenbar nicht stark genug, um der Krankheit Einhalt zu gebieten. Unterstützt man sie aber auf therapeutischem Weg, dann sollte sich das zum Wohl der Patienten auswirken.

Wie das gelingen könnte? "Das zu definieren, ist das Fernziel unserer Arbeiten", sagt Wiendl. Im nächsten Schritt jedoch müssen die Forscher die regulatorischen T-Zellen zuerst einmal noch genauer charakterisieren und Wege finden, sie für therapeutische Zwecke zu nutzen.

Interessante Moleküle auf der Oberfläche

Bei den positiv wirkenden Immunzellen handelt es sich um sogenannte regulatorische T-Zellen. Wiendls Team hatte sie erst im Jahr 2007 neu entdeckt (Blood 110:2, 2007, 568). Die Besonderheit dieser Zellen: Auf der Oberfläche tragen sie ein Protein namens HLA-G, dem die Forscher eine starke immunblockierende Funktion zusprechen. Das Signal zur Einwanderung der Zellen in entzündetes Gewebe wird noch von einem weiteren Oberflächenmolekül beeinflusst, dem sogenannten Chemokinrezeptor CCR5.

Weltweit sind schätzungsweise rund 2,5 Millionen Menschen von der Multiplen Sklerose (MS) betroffen; in Deutschland leben nach aktuellen Hochrechnungen etwa 122 000 MS-Erkrankte. Hier werden pro Jahr rund 2500 Fälle neu diagnostiziert. Frauen erkranken beinahe doppelt so häufig wie Männer.

Bei MS greift das Immunsystem fälschlicherweise die Umhüllungen der Nerven an, was die Nervenzellen nachhaltig zerstört. Die Erkrankung beginnt meist im frühen Erwachsenenalter und verläuft schubweise. Die Betroffenen spüren zu Beginn häufig ein Kribbeln in Armen und Beinen, stolpern vermehrt oder bekommen Schwierigkeiten beim Sehen. In schweren Fällen leiden sie später unter gravierenden Behinderungen; manche sind dann auf einen Rollstuhl angewiesen.

Zum Abstract der Originalarbeit "Specific Central Nervous System Recruitment of HLA-G+ Regulatory T Cells in Multiple Sclerosis"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wenn Einsamkeit krank macht

Ein Alterspsychotherapeut warnt: Ältere Männer sind besonders häufig suizidgefährdet. Einsamkeit ist ein Grund dafür. mehr »

Diabetes-Experten sind besorgt

Schon bald könnten mehr Lebensmittel "schlechten Zucker" enthalten. Für die Industrie wird der Einsatz von Isoglukose profitabler. mehr »

PKV bekennt sich zur Innovationsoffenheit

Wird es mit der neuen GOÄ erschwert, Privatpatienten neue Leistungen anzubieten? Vom PKV-Verband kommt dazu ein klares Dementi. mehr »