Ärzte Zeitung online, 25.05.2010

Infektion mit Epstein-Barr-Virus führt bei Kindern nicht zwingend zu MS

MÜNCHEN (eb). Pünktlich zum Welt-MS-Tag am 26. Mai hat eine Forschergruppe der TU München den Nachweis erbracht, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV) keine Antikörper gegen ein im Gehirn vorkommendes Eiweiß (Myelin-Protein/MOG) verursacht.

Infektion mit Epstein-Barr-Virus führt bei Kindern nicht zwingend zu MS

Löst bei Kindern offenbar doch keine MS aus: das Epstein-Barr-Virus, hier unter einem Transmissionselektronenmikroskop.

Foto: CDC/Dr. Fred Murphy

"Unser Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen einer durchgemachten EBV-Infektion und einer Antikörper-Antwort gegen das MOG-Protein bei Kindern mit entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems besteht, hat sich nicht erhärtet", sagt Arbeitsgruppenleiter Professor Bernhard Hemmer, der auch Vorstandsmitglied im Kompetenznetz Multiple Sklerose ist.

Schon seit Längerem diskutieren Forscher darüber, ob Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS) auslösen können. Bisher konnte dafür kein direkter Beweis erbracht werden.

In der aktuellen Studie wurde der mögliche Zusammenhang anhand von Blutproben von Kindern mit akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM) und klinisch isoliertem Syndrom (CIS), einer Vorstufe der Multiplen Sklerose, untersucht (Neurology, 74, 2010, 1711).

Beide Erkrankungen sind Ausdruck einer akuten Autoimmunreaktion im Zentralnervensystem: Die Myelinschicht, die die Nervenfasern schützend umgibt, wird angegriffen und die darin eingebetteten Proteine zerstört. Ärzte können an ADEM und CIS die Ursachen der Entstehung von Autoimmunität und letztlich der MS studieren.

Die Untersuchungen verschiedener Forschergruppen haben gezeigt, dass ADEM- und CIS-Patienten im Vergleich zu gesunden Kindern und Kindern mit anderen neurologischen Erkrankungen eine deutlich höhere Konzentration von Antikörpern gegen das MOG-Protein im Blut aufweisen. Für das Auftreten der MOG-Antikörper spielte es dabei keine Rolle, ob die ADEM- und CIS-Kinder mit dem EBV infiziert waren oder nicht. Außerdem fanden sich keine eindeutigen Hinweise, dass die EBV-Infektion bei diesen Kindern das Risiko erhöht, im weiteren Verlauf eine MS zu entwickeln.

"Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus nicht als alleiniger Entstehungsmechanismus für die Entwicklung entzündlicher Erkrankungen des Nervensystems bei Kindern, insbesondere nicht für die Entwicklung von Autoantikörpern gegen das MOG-Protein, herhalten kann", erklärt Hemmer. Die Befunde deuteten eher darauf hin, dass EBV - wenn überhaupt - nur bei einem Teil der Patienten relevant ist.

Zum Abstract der Originalpublikation "Antibody responses to EBV and native MOG in pediatric inflammatory demyelinating CNS diseases"

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