Ärzte Zeitung online, 21.12.2017

Erfolge mit Medikation

Weniger Hirnatrophie bei MS, bessere kognitive Leistung

Sowohl Teriflunomid als auch Alemtuzumab können eine übermäßige Hirnatrophie bei MS bremsen. Damit kommt es nicht nur seltener zur Behinderungsprogression, auch die kognitiven Fähigkeiten bleiben erhalten.

Von Thomas Müller

Weniger Hirnatrophie bei MS, bessere kognitive Leistung

Hirnatrophie: Für jedes Prozent kortikaler grauer Substanz, das die Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom über zwei Jahre hinweg verloren, stieg in einer Studie das Risiko für eine klinisch bestätigte MS um 14,5 Prozent.

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PARIS. Je schneller Hirnvolumen und graue Substanz bei MS-Patienten abnehmen, umso eher kommt es zu einer Behinderungsprogression und zu kognitiven Defiziten. Ein Beispiel dafür liefert die Studie TEMSO (Teriflunomide multiple sclerosis oral trial): Knapp 43 Prozent der Patienten im Quartil mit dem höchsten Hirnvolumenverlust zum Studienende nach zwei Jahren hatten fünf Jahre nach Beginn der Studie neue, über 24 Wochen anhaltende Behinderungen. Weniger als 30 Prozent waren es im Quartil mit dem geringsten Hirnvolumenverlust, erläuterte Professor Anthony Traboulsee von der Universität in Vancouver bei einer vom Unternehmen Sanofi Genzyme unterstützten Veranstaltung in Paris.

Ähnliches ließ sich auch in der Studie TOPIC (Phase III study with Teriflunomide versus placebo in patients with first clinical symptom of multiple sclerosis) bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom beobachten: Für jedes Prozent kortikaler grauer Substanz, das die Patienten über zwei Jahre hinweg verloren, stieg das Risiko für eine klinisch bestätigte MS um 14,5 Prozent. Im Quartil mit der höchsten kortikalen Atrophie hatten vier Jahre nach Studienbeginn 46 Prozent der Patienten eine MS entwickelt, im Quartil mit der geringsten Atrophie lediglich 34 Prozent.

In beiden Studien ließ sich die Hirnatrophie im Therapiearm mit Teriflunomid (Aubagio®) weitgehend normalisieren: In TEMSO war der Hirnvolumenverlust über zwei Jahre hinweg um 31 Prozent geringer als unter Placebo (0,90 versus 1,29 Prozent), in TOPIC schrumpfte die graue Substanz des Kortex um 40 Prozent weniger (-0,84 versus -1,41 Prozent). "Die frühe Eindämmung des Hirnvolumenverlusts geht langfristig mit einem Schutz vor einer Krankheitsverschlechterung einher", so Traboulsee.

Für MS-Patienten dürfte ein weiterer Punkt bedeutsam sein: Je geringer die Atrophie, umso besser die kognitive Leistung. Darauf deutet ebenfalls eine Auswertung der TEMSO-Studie. Patienten im Quartil mit dem geringsten Hirnvolumenverlust nach zwei Jahren zeigten fünf Jahre nach Studienbeginn eine deutliche Verbesserung im PASAT-3-Test, dagegen blieben die Werte im Quartil mit dem höchsten Hirnvolumenverlust weitgehend gleich (Veränderung im Z-Score: 0,28 versus 0,05, p = 0,0004). Patienten unter Teriflunomid waren hier überproportional häufig im Quartil mit der geringsten Atrophie zu finden.

Eine deutliche Verringerung der Hirnatrophie wird auch unter dem monoklonalen Antikörper Alemtuzumab (Lemtrada®) beobachtet. Nach zwei Jahren war der Parenchymanteil im Gehirn in der Studie CARE-MS 1 (The Comparison of Alemtuzumab and Rebif® Efficacy in Multiple Sclerosis) um 42 Prozent weniger zurückgegangen als unter Interferon beta-1a (0,87 versus 1,49 Prozent), erläuterte Traboulsee. Inzwischen liegen Siebenjahresdaten vor. Danach stabilisierte sich der Hirnparenchymverlust in der ursprünglichen Alemtuzumab-Gruppe in den Jahren drei bis sieben mit Werten zwischen 0,14 und 0,20 Prozent (CARE-MS I) sowie 0,07 und 0,19 Prozent (CARE-MS II) pro Jahr.

Der Schutz des Hirngewebes wird auch mit modernen Bildgebungsverfahren sichtbar. So konnte per optischer Kohärenztomografie in einer Untersuchung unter Alemtuzumab nach zwei Jahren eine Verstärkung der retinalen Nervenfaserdicke um 2,3 μm beobachtet werden, normalerweise nimmt dieser Wert selbst unter potenten MS-Mitteln ab, so der Experte.

Zudem lässt sich der Anteil normal erscheinender weißer Substanz in der MTR (Magnetization Transfer Ratio)-Bildgebung stabilisieren: Mit dem Antikörper nahm der Wert in einer kleinen Studie leicht zu, bei unbehandelten Patienten jedoch binnen zwei Jahren um eine Prozenteinheit ab. Ähnliches zeigte sich bei der grauen Substanz: Diese schrumpfte bei unbehandelten Patienten um rund zwei Prozenteinheiten und blieb unter Alemtuzumab konstant.

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