Ärzte Zeitung, 21.02.2018

Heilen mit Pferden

Hippotherapie bei MS punktet in neuer Studie

MS mit Pferdetherapie behandeln: Das scheint zu funktionieren. Mit den Ergebnissen einer Studie wollen die Autoren die Diskussion über die Kostenübernahme der Hippotherapie beleben.

Von Marlinde Lehmann

Hippotherapie bei MS punktet in neuer Studie

Bei der Hippotherapie werden die durch das im Schritt laufende Pferd ausgelösten dreidimensionalen Schwingungen auf das Becken des Patienten übertragen.

© Creativ Picture / Willi Drache Stiftung

ASBACH / KÖLN. Patienten mit Multipler Sklerose (MS) profitieren von einer Hippotherapie gleich mehrfach: Sie haben weniger Probleme mit Gleichgewichtsstörungen, Spastik und Fatigue bessern sich.

Solche positiven Effekte, von denen ja viele MS-Patienten aus eigener Erfahrung berichten, sind jetzt auch in einer Studie mit einem Design nach Good Clinical Practice(GCP)-Richtlinien dokumentiert worden: Die Studie namens MS-HIPPO wurde prospektiv angelegt, und randomisiert, einfachblind und multizentrisch durchgeführt (Multiple Sclerosis Journal 2017, online 3. August).

In der Studie unter Leitung von Dr. Dieter Pöhlau, Neurologe und Chefarzt der DRK Kamillus Klinik Asbach im Westerwald, haben die Forscher 70 erwachsene MS-Patienten berücksichtigt. Alle Studienteilnehmer mussten eine Spastik der unteren Extremitäten haben und einen Wert zwischen 4 und 6,5 Score-Punkten auf der EDSS (Expanded Disability Status Scale).

Berg Balance Scale

  • Die Berg Balance Scale, kurz BBS, gilt als Goldstandard für die Messung des Gleichgewichts.

  • In 14 kurzen Tests werden mögliche Gleichgewichtsstörungen erfasst. Für jede Aufgabe gibt es 0 bis 4 Punkte.

  • Eine der Aufgaben ist es zum Beispiel, auf einem Bein zu stehen. Wer länger als 10 Sekunden stehen kann, erhält die volle Punktzahl, für 3 Sekunden gibt es 2 Punkte.

Quelle: Willi Drache Stiftung

Ein Wert von 4 Punkten auf der EDSS bedeutet ja, dass ein MSPatient 500 Meter ohne Hilfe und Rast laufen kann. Bei einem EDSS-Wert von 6,5 Punkten braucht ein MS-Kranker beidseits Hilfsmittel, um etwa 20 Meter ohne Pause zu gehen.

Zwölf Wochen auch Hippotherapie

Nach einer Zufallsverteilung wurden die Studienteilnehmer an einem von fünf teilnehmenden Hippotherapie-Zentren der Interventions- oder der Kontrollgruppe zugeordnet. In der Kontrollgruppe wurde die bisherige Therapie (Medikamente und eventuell Physiotherapie) wie gewohnt fortgeführt.

In der Interventionsgruppe bekamen die Patienten zusätzlich zur gewöhnten Behandlung zwölf Wochen lang jeweils einmal pro Woche eine Hippotherapie, wie sie in den Richtlinien für Hippotherapie des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR) definiert wird.

Primäres Studienziel waren die Veränderungen in puncto Gleichgewichtsstörungen nach zwölf Wochen. Sie wurden mit der Berg Balance Scale, kurz BBS, erfasst. Ferner wurden Effekte auf Fatigue, Schmerzen, Spastik und Lebensqualität insgesamt dokumentiert.

Die Physiotherapeuten, die die Befunde erhoben, waren nicht darüber informiert, ob ein Studienteilnehmer Hippotherapie bekommen hatte oder nicht.

Verbesserung des Gleichgewichts

Die wesentlichen Ergebnisse:

» In beiden Studiengruppen besserten sich die Gleichgewichtsstörungen – mit Hippotherapie aber stärker als ohne: In der Interventionsgruppe stieg die Punktezahl auf der BBS im Vergleich zum Ausgangswert um 6 Punkte, in der Kontrollgruppe um 2,9 Punkte.

Eine Differenz von 6 Punkten zum Ausgangswert, wie sie in der Interventionsgruppe dokumentiert wurde, gelte allgemein als klinisch und damit für den Alltag als relevant, berichten die Studienautoren um Vanessa Vermöhlen und Petra Schiller, beide von der Universität in Köln. Die mittlere – statistisch signifikante – Differenz der BBS-Punktezahl zwischen Verum- und Kontrollgruppe lag nach zwölf Wochen bei 2,33 Punkten.

Den höchsten Zugewinn in der BBS hatten nach einer Subgruppenanalyse MS-Patienten mit initial mindestens 5 Punkten auf der EDSS. Ein EDSS von 5 Punkten bedeutet, dass ein Patient ohne Hilfe und Rast etwa 200 Meter weit laufen kann.

» Fatigue, Spastik sowie Lebensqualität besserten sich bei Patienten in der Interventionsgruppe signifikant stärker als in der Kontrollgruppe.

Beim Studienendpunkt Schmerzen unterschieden sich Interventions- und Kontrollgruppe nicht. Dabei sei zu berücksichtigen, so die Studienautoren, dass die – in einer visuellen Analogskala (VAS) erfassten – Angaben zur Schmerzstärke zu Studienbeginn und im Verlauf der Studie höchst unterschiedlich ausfielen und eine breite Streuung bestand.

Bislang werde die Kostenübernahme für die Hippotherapie vom GBA (Gemeinsamer Bundesausschuss) mit Hinweis auf die nicht bewiesene Wirksamkeit abgelegt, erinnert die Willi Drache Stiftung, die die Umsetzung der Studie finanziell unterstützt hat, in einer Mitteilung. Mit den vorliegenden Daten werde eine Neubewertung angestrebt, die zu einer Kostenübernahme führen sollte.

Dreidimensionale Schwingungen

Berichte über die positiven Effekte einer Hippotherapie auf die Symptome von Patienten mit Multipler Sklerose gibt es seit den 1970-er Jahren. Die Planung der MS-HIPPO-Studie geht hauptsächlich auf die Ergebnisse zweier monozentrischer Pilotstudien in den Jahren 2007 und 2009 zurück.

Hippotherapie ist eine Form der Krankengymnastik auf neurophysiologischer Basis. Dabei werden die durch das im Schritt laufende Pferd ausgelösten dreidimensionalen Schwingungen auf das Becken des auf dem Pferderücken sitzenden Patienten übertragen. Die Impulse trainieren unter anderem Haltungs-, Gleichgewichts- und Stützreaktionen und normalisieren die Muskelspannung.

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