Ärzte Zeitung, 28.05.2004

KOMMENTAR

Offene Diskussion ist erwünscht

Von Nicola Siegmund-Schultze

Gewalt, seelische Krankheiten wie Schizophrenien oder körperliche wie Aids sind Tabus in unserer Gesellschaft. Sie gehen häufig mit einer verschobenen Wahrnehmung einher: So ist in der Bevölkerung die Meinung verbreitet, Patienten mit einer schizophrenen Psychose seien gefährlich und unberechenbar. Spektakuläre Attentate wie die auf Oskar Lafontaine tragen zu dieser Vorstellung bei.

Aber daß Menschen mit Schizophrenie Gewalttaten wie diese begehen, ist die Ausnahme. Zudem sind meist Angehörige, Schwestern, Pfleger und Ärzte von der Gewalt betroffen, selten Fremde. Und meist wurden die Patienten zum Zeitpunkt der Tat nicht optimal behandelt.

Dennoch: Das Risiko für Aggressionen ist bei Menschen mit Schizophrenie erhöht, und dieses Problem sollte nicht verharmlost werden. Die Lösung heißt aber nicht Strafverfolgung, sondern Prävention.

Wirksame Therapien und De-Eskalationsprogramme gibt es. Doch nur ein offener Umgang mit dem Thema erhöht das Bewußtsein dafür, daß sie konsequent angewendet werden müssen. Wenn Familien, Ärzte und Pfleger Gewalterfahrungen mit Patienten geheim halten müssen, weil das Sprechen darüber nicht politisch korrekt ist oder unerwünschte Konsequenzen für ihre Patienten hat, werden sie ein zweites Mal traumatisiert.

Lesen Sie dazu auch:
Seltener Gewalt bei Schizophrenie als vermutet

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