Ärzte Zeitung, 08.12.2011

Stress verschlimmert Psychose nicht unbedingt

Manche Schizophreniekranke reagieren allergisch auf Stress - dann verstärken sich ihre Symptome. Bei anderen ist es jedoch genau umgekehrt: Sie entspannen sich sogar bei einer leichten Psychose.

Von Thomas Müller

Stress verschlimmert Psychose nicht unbedingt

Stress durch wichtige Telefonate und gleichzeitige Kinderbetreuung? Patienten mit Psychose reagieren unterschiedlich darauf.

© diego cervo / fotolia.com

BERLIN. Selbst wenn Patienten mit Psychosen nicht gerade einen akuten Schub haben, können Stimmung und Ängste im Laufe des Tages stark schwanken, sich hochschaukeln und irgendwann wieder so überhand nehmen, dass die Betroffenen in ärztliche Behandlung müssen.

Für die Therapeuten und die Patienten wäre es daher wichtig, auslösende und verstärkende Faktoren genau zu kennen und zu vermeiden.

Solche Faktoren müssen jedoch individuell ermittelt werden, denn sie können bei einzelnen Patienten sogar entgegengesetzte Wirkungen haben.

Darauf deuten Daten einiger Studien, die Professor Inez Myin-Germeys auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin vorgestellt hat.

Paranoia bei mehr Streß

Die Psychiaterin von der Universität in Maastricht und ihre Mitarbeiter haben in diesen Untersuchungen Psychose-Patienten mit einem Tagebuch ausgestattet, das detaillierte Fragebögen zu Stimmungen, Emotionen und Ängsten enthielt.

An sechs aufeinander folgenden Tagen sollten die Patienten zehnmal täglich zu zufällig gewählten Zeitpunkten einen solchen Fragebogen ausfüllen. Anhand der Angaben ließ sich die Stärke der Psychose-Symptome auf einer Skala abbilden.

Das Ergebnis: Bei vielen der Patienten, aber nicht bei allen, war etwa die Paranoia umso stärker, je mehr Stress sie empfanden. Dabei ging der Stress meist dem Anstieg der Paranoia-Symptome voraus.

Eine genauere Analyse ergab, dass vor allem Patienten mit frühkindlichen Traumata auf Stress empfindlich reagierten. Auch die Umgebung war von Bedeutung. Die meisten Patienten zeigten mehr Symptome, wenn sie fremde Menschen um sich hatten.

Selbst dies ließ sich nicht verallgemeinern: In einer Auswertung bei etwa 150 Psychose-Patienten verstärkten sich die Symptome nur bei leicht und mittelgradig Betroffenen in fremder Umgebung, bei den hochgradig psychotischen Patienten nahmen sie dagegen ab. Der Zusammenhang zwischen Ängsten und Symptomen konnte ebenfalls sehr unterschiedlich sein.

Mehr Symptome bei Entspannung

Bei zwei Drittel der Patienten nahm die Angst mit den Psychose-Symptomen zu, bei der Hälfte von ihnen liefen die Ängste der Psychose voraus, bei den anderen hinterher.

Bei etwa einem Drittel ging die Angst dagegen mit den Psychose-Symptomen zurück. Es scheint so, sagte Myin-Germeys, dass diese Patienten die Psychose nutzten, um zu entspannen.

Entsprechend war zu beobachten, dass bei einem Teil der Patienten die Symptome zunahmen, wenn sie sich entspannten, bei einem anderen Teil nahmen sie ab.

Das Fazit der Psychiaterin: Bei jedem Patienten sollte man erst einmal sehr genau untersuchen, wie Stress, Entspannung und die jeweilige Umgebung auf die Symptome wirken, dann könne man auch versuchen, solche Faktoren gezielt zu nutzen, um die Psychose zu kontrollieren.

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