Ärzte Zeitung online, 25.03.2009

Schlafforscher: Frühes Aufstehen ist gegen Natur von Jugendlichen

Berlin (dpa). Eine Stunde mehr Schlaf - welcher Schüler träumt nicht davon, wenn morgens der Wecker klingelt. Nach Meinung von Experten könnte diese eine Stunde Aufschub die deutsche Bildungslandschaft revolutionieren.

"Der in Deutschland übliche Unterrichtsbeginn um etwa acht Uhr ist für Jugendliche ab einem gewissen Alter zu früh, um Leistung zu erbringen", sagte der Schlafforscher Professor Jürgen Zulley der Nachrichtenagentur dpa. Am Mittwoch hatte sich überraschend eine Mehrheit der Schüler des Berliner John-Lennon-Gymnasiums gegen einen späteren Start in den Schulalltag entschieden.

Würde der Unterricht nur eine Stunde später beginnen, könnte es in den Schulen erheblich aufmerksamer und konzentrierter zugehen, erläuterte Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg und Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf. Verantwortlich dafür sei der Biorhythmus, der sich ungefähr mit dem zwölften Lebensjahr verändere. "Studien aus den USA, Finnland und Israel haben gezeigt, dass der biologische Rhythmus sich in diesem Alter nach hinten verschiebt. Die Jugendlichen werden zu Abendtypen, die später ins Bett gehen und dafür länger schlafen. In der Wissenschaft werden diese Typen auch Eulen genannt", erklärte der Wissenschaftler. "Jugendliche handeln also gegen ihren natürlichen Biorhythmus, wenn sie zu früh aufstehen."

Mit sozialen Verpflichtungen am Abend habe dies nichts zu tun, betonte Zulley. "Auch wenn das den Jugendlichen oft angelastet wird." Im Gegenteil. Die Studien hätten gezeigt, dass die Jugendlichen trotz einer Stunde mehr an Schlaf nicht später als zuvor ins Bett gingen. Bei einem späteren Schulbeginn müssten aber einige Dinge beachtet werden. "Ein späterer Schulbeginn soll nicht bedeuten, dass der Unterricht einfach verlängert wird", sagte Zulley. "Wichtig ist eine Mittagspause und anschließender Nachmittagsunterricht, wie es in Ländern wie Frankreich seit Jahren üblich ist."

Kinder und Jugendliche hätten am Nachmittag ein zweites Leistungshoch. Das könnte sogar noch gesteigert werden, wenn die Schulen ihren Schülern Ruhepausen ermöglichten. "Jugendliche sind etwas müder als jüngere und ältere Menschen, besonders zur Mittagszeit. Das hängt wahrscheinlich mit der Pubertät zusammen", erklärte Zulley. "Ein kurzer Mittagsschlaf zwischen 10 und 30 Minuten erhöht da die Leistungsfähigkeit erheblich."

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