Ärzte Zeitung, 15.12.2017

Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen

Mehr Aufmerksamkeit für die innere Uhr

Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen kennen die meisten nur von Jetlag oder Schichtarbeit. Es gibt aber auch pathologische Formen einer defekten inneren Uhr. Insbesondere bei Blinden, bei denen Licht als Taktgeber ausfällt, kann hoher Leidensdruck entstehen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

NEU-ISENBURG. Mit der Verleihung des diesjährigen Nobelpreises bekam ein Thema Aufmerksamkeit, das in der normalen klinischen Routine eher unter dem Radar läuft, die "innere Uhr", bei der es sich eigentlich um ein sehr komplexes System innerer Uhren handelt. Denn letztlich hat jedes Gewebe, jede Zelle ihren eigenen Taktgeber. Der oberhalb der Sehnervenkreuzung liegende Nucleus suprachiasmaticus (SCN) nimmt die Rolle des Master-Zeitgebers ein. Er synchronisiert mit Hilfe des Hormons Melatonin und des vegetativen Nervensystems die einzelnen Uhren der Zellen miteinander. Informationen über den Tag-Nacht-Rhythmus der Außenwelt gelangen zum SCN über diffuse Lichtrezeptoren der Netzhaut, Melanopsine genannt.

"Insgesamt hat die Verleihung des Nobelpreises mehr Aufmerksamkeit für die innere Uhr und ihre Störungen gebracht", ist sich Professor Horst-Werner Korf von der Uni Düsseldorf sicher. Vor allem einigen Ärzten sei das Thema jetzt präsenter, erläuterte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Was zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen mit einem Menschen machen, illustrieren der Jet-Lag und die Schichtarbeit. Weniger klar ist vielen Ärzten, dass auch chronische Erkrankungen derartige Störungen verursachen können. "Zirkadiane Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen treten relativ häufig bei Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen auf", so Korf. Vor allem Alzheimer- und Parkinson-Patienten seien für solche Störungen prädestiniert.

Therapie mit blauem Licht

Wenn die Betroffenen stark unter ihrem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus leiden, ist die Lichttherapie Behandlung der Wahl. Blaues, kurzwelliges Licht hat den stärksten synchronisierenden Effekt, da die Melanopsin-Rezeptoren der Netzhaut für blaues Licht am empfindlichsten sind. Entsprechend kann eine morgendliche Lichttherapie mit blauem Licht zur Synchronisation der inneren Uhr mit der Außenwelt beitragen. "Da reichen in der Regel 30 bis 45 Minuten", betont Korf. Umgekehrt sollte blaues Licht am Abend eher vermieden werden. Das lässt sich dadurch bewerkstelligen, dass auf Laptop-Arbeit am Abend verzichtet und Mobilgeräte in den Nachtmodus geschaltet werden, der das sonst oft blaulastige Bildschirmlicht herunterreguliert.

Neben den komorbiden Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen gibt es auch genetisch bedingte Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. Diese seien aber sehr selten, betont Professor Peter Young von der Klinik für Schlafmedizin der Universität Münster: "Das vorgezogene Schlafphasensyndrom, bei dem der interne Rhythmus kürzer ist als 24 Stunden, ist eine echte Rarität. Da gibt es nur einige wenige Familien. Das verzögerte Schlafphasensyndrom ist häufiger, doch diese Patienten laufen im Alltag oft als Patienten mit Ein- oder Durchschlafstörungen und werden deswegen nicht erkannt."

Auch bei den genetischen Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen kann Lichttherapie helfen. Manche therapieren sich auch selbst mit Melatonin. Andere kommen mit dem abweichenden Rhythmus klar, haben etwa einen Job, der damit kompatibel ist, und benötigen daher gar keine Therapie.

Um die Folgen des Jetlag abzumildern, sei Melatonin in jedem Fall eine Option, so Young: "Es sollte dann vor allem bei Reisen in Richtung Osten für drei bis vier Tage etwa eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen eingenommen werden, um den natürlichen Melatonin-Peak zu ersetzen."

Neue Behandlungsoption

Ein Sonderfall ist die Non-24-Schlaf-Wach-Rhythmusstörung bei blinden Menschen. Sie kommt dadurch zustande, dass der "innere" Rhythmus des Menschen in der Regel etwas länger ist als 24 Stunden. Wenn nun wegen der Blindheit die Synchronisation mit dem Tageslicht wegfällt, verschiebt sich der innere Rhythmus von Tag zu Tag ein wenig, mit einer Periode von meist mehreren Wochen. Non-24 betreffe wahrscheinlich die Hälfte oder mehr aller vollständig blinden Patienten, so Young. Aber auch hier gilt: Nicht jeder hat damit schwerwiegende Probleme.

Wer unter Non-24 leidet, für den gibt es mit dem Melatonin-Rezeptor-Agonist Tasimelteon (Hetlioz®) seit Kurzem eine zugelassene Behandlungsoption, mit der sich nach einem Monat bei einem Fünftel bis einem Viertel der Patienten eine Synchronisation mit der äußeren Uhr bzw. ein klinisches Ansprechen erreichen lässt. Nach sieben Monaten erzielten bereits 59 Prozent der Patienten eine Synchronisation des zirkadianen Rhythmus. Die mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Forschung hat damit die Versorgung erreicht. Für "auserforscht" hält Young die innere Uhr und ihre Gene aber noch nicht. Besonders spannend sei derzeit der mögliche Beitrag der Uhrengene zur Tumorentstehung.

Non-24

» Die Non-24-Schlaf-Wach-Rhythmusstörung betriff wahrscheinlich über die Hälfte aller vollständig Blinden.

» Ohne Synchronisation mit dem Tageslicht verschiebt sich der innere Rhythmus von Tag zu Tag ein wenig, mit einer Periode von meist mehreren Wochen.

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