Ärzte Zeitung, 14.01.2005

Süchtige Frauen oft schlecht versorgt

Therapie-Angebote haben sich zwar verbessert, sind aber noch nicht ausreichend

BERLIN (af). Die suchtmedizinische Betreuung von Frauen in Deutschland ist unterentwickelt. "Alle in der Suchtarbeit Beschäftigten und Forschenden müssen sich der Forderung stellen, die Geschlechtszugehörigkeit bei der Behandlung zu berücksichtigen", sagte Professorin Klaudia Winkler von der Fachhochschule Regensburg bei der Vorstellung des "Jahrbuch Sucht" der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Berlin.

Frauen greifen demnach weniger häufig als Männer zu Alkohol und illegalen Drogen wie Marihuana, Kokain oder Heroin. Zu kämpfen haben sie aber zunehmend mit Medikamentenabhängigkeit und Eßstörungen.

Insgesamt konsumieren die Bewohner Deutschlands weniger Drogen. Immer mehr Menschen sind aber abhängig, ohne zum Joint oder zur Spritze zu greifen. Sie sind süchtig nach dem Internet, nach Glücksspiel oder geraten regelmäßig in Kaufräusche.

Die DHS hat in Deutschland 1049 Beratungsstellen für die ambulante Behandlung von Süchtigen gezählt, 22 davon ausschließlich für Frauen. Von den 280 Fachkliniken widmen sich elf Frauen und 40 Männern, die anderen nehmen beide Geschlechter auf. In der Regel orientierten sich die Behandlungsangebote nach wie vor am Bild des alkoholkranken Mannes, sagte Winkler. Die Qualität der Angebote für Frauen habe sich aufgrund des Engagements Einzelner in der jüngeren Zeit aber gebessert.

Laut DHS sprechen alkoholkranke Frauen eher auf eine Therapie an als Männer. Bei Opiatabhängigen ist es laut dem Jahrbuch Sucht umgekehrt.

Defizite in der Ausbildung von Medizinern hat der Vorsitzende der DHS ausgemacht. "Es fehlen die suchtmedizinischen Inhalte vor allem für Psychiater, Psychotherapeuten und Internisten", sagte Professor Jobst Böning von der Universität Würzburg, selbst Suchtmediziner und Psychotherapeut.

Da laut DHS-Erkenntnissen 75 Prozent aller Süchtigen einmal im Jahr zum Hausarzt gehen, müßte auch dort mehr suchtmedizinisches Wissen ankommen, forderte Böning. Die Bundesärztekammer tue sich mit dem Thema schwer, sagte er. Mehr Verständnis erfahre die DHS in der Zusammenarbeit mit den regionalen Ärztekammern.

Hauptproblem: Legale Drogen

Alkohol: Der Konsum sinkt, bleibt mit 10,2 Litern reinen Alkohols pro Kopf aber hoch. Alkoholtote: 73 714.

Tabak: 132,6 Milliarden Zigaretten gingen 2003 in Rauch auf, fast 13 Milliarden oder 8,6 Prozent weniger als 2002. Hans Eichel kassierte 14,1 Milliarden Euro Tabaksteuer. Tabaktote: 110 000 bis 140 000.

Medikamente: Laut DHS-Angaben besitzen sechs Prozent aller verordneten Arzneimittel ein eigenes Suchtpotential. Der Verbrauch von Benzodiazepinen sinkt, reicht aber immer noch aus, um 1,1 Millionen Abhängige damit zu versorgen.

Rauschgifte: Keine Entwarnung. Die Zahl der Rauschgiftdelikte ist einschließlich der Beschaffungskriminalität von 246 518 auf 255 575 gestiegen. Die Zahl der Erstkonsumenten sank gegenüber 2002 um rund 2300 auf 17 936. 1477 Drogentote.

Cannabis: Die Zahl der Konsumenten steigt, und sie werden immer jünger. (af)

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