Ärzte Zeitung, 04.10.2006

Seit 35 Jahre erfolgreich: Selbsthilfe für Drogenabhängige

Seit 1971 haben über 22 000 Abhängige in den Häusern der Stiftung Synanon in Berlin Hilfe gesucht / Entzug ist ohne Wartezeit möglich

BERLIN (ami). Die Bedeutung von Suchtselbsthilfe wächst. Über 22 000 Hilfesuchende sind seit 1971 in die Häuser der Stiftung Synanon in Berlin gekommen. Zu ihrem 35jährigen Bestehen zieht die Drogenselbsthilfe-Einrichtung eine gemischte Bilanz.

"Synanon hat sich in den drei Jahrzehnten häufig gewandelt. Aber wenn wir in der Lage sind, jedem ein Bett zu geben, der zu uns kommt, sind wir zufrieden", sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Uwe Schriever. Allein 2005 zählte Synanon knapp 800 Bewohner, Neuankömmlinge und Menschen, die zu einem Krisenaufenthalt kamen. Die meisten Hilfesuchenden sind schwerstabhängig und haben schon mindestens einen Entzug hinter sich.

    Kernelement des Konzepts von Synanon sind Zweckbetriebe.
   

Bei Synanon können sie ihren Entschluß zum erneuten Entzug sofort umsetzen - ohne Wartezeit, aber in der Regel auch ohne medikamentöse Hilfe. In den Häusern gelten drei Regeln: Drogen-Abstinenz, keine Gewalt und Rauchverbot. Kernelement von Synanon sind die Zweckbetriebe, von der Umzugsfirma über Tischlerei oder Catering bis hin zu Fotosatz und Reitschule. Sie ermöglichen den Süchtigen zwölf verschiedene Berufsausbildungen.

"Integration von Suchtkranken funktioniert nur über Arbeit. Das hat Synanon früh erkannt und umgesetzt", sagte der Vorsitzende der Berliner Landesstelle für Suchtfragen Michael Hoffmann-Bayer. Für viele Suchtkranke sei Synanon die letzte Möglichkeit für den Ausstieg.

"Wir müssen mehr Menschen früher erreichen", forderte Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Dazu sei nötig, Schnittstellenprobleme zwischen Selbsthilfe und professionellem Hilfesystem zu reduzieren. "Abhängigkeit ist eine behandlungsbedürftige Krankheit", so Hüllinghorst. Nach seinen Angaben sind 1,7 Millionen Menschen in Deutschland alkoholabhängig, etwa 240 000 cannabissüchtig und 150 000 bis 200 000 abhängig von anderen illegalen Drogen.

STICHWORT

Synanon

Die Stiftung Synanon ist als Sucht-Selbsthilfe 1971 von Betroffenen für Betroffene gegründet worden. Sie versteht sich als Lebensschule auf Zeit, in der süchtige Menschen lernen sollen, wie sie dauerhaft nüchtern leben können. Empfohlen wird eine Aufenthaltsdauer von zwei bis drei Jahren. Bundesweit einmalig ist das Angebot "Aufnahme sofort": Süchtige können jederzeit ohne Vorbedingungen in die Synanon-Häuser kommen. Dort gelten drei Regeln: keine Drogen, kein Alkohol oder sonstige Suchtmittel, keine Gewalt oder Gewaltandrohung, kein Tabak. Eigenen Angaben zufolge erreicht Synanon eine deutlich niedrigere Rückfallquote als vergleichbare Einrichtungen: 70 Prozent der Personen mit einer nachgewiesenen Aufenthaltsdauer von zwei bis drei Jahren seien danach dauerhaft ohne Suchtmittelkonsum, heißt es. (ami)

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