Ärzte Zeitung, 23.02.2007

HINTERGRUND

Die Flucht in virtuelle Welten hinterlässt auch Spuren im Gehirn

Von Susanne Donner

Es gibt kein "Hallo", keinen kurzen Blick zwischen der Mutter und ihrem Sohn. Er verschwindet in seinem Zimmer, schließt die Tür, fährt den PC hoch. Spielen und abschalten, denkt er. Sie hadert mit sich. Hineingehen und reden - oder schweigen und gewähren lassen? Ist ihr Sohn süchtig, oder spielt er nur gern?

Etwa drei Prozent der Jugendlichen sind computersüchtig. Foto: ddp

Eine Frage, die viele Angehörige plagt. Einfache Antworten können auch Wissenschaftler nicht geben. Denn nicht alleine die Dauer des PC-Spielens oder Chattens entscheidet über eine Abhängigkeit. Erst wenn der Computer täglich dafür herhalten muss, dem Ärger Luft zu machen und Stress zu verarbeiten, besteht eine Sucht. "PC-süchtige Jugendliche interessieren sich dann zum Beispiel überhaupt nicht mehr fürs Essen und reagieren aggressiv, wenn man sie vom Rechner trennen will", so Dr. Sabine Grüsser-Sinopoli von der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe der Charité in Berlin. Typischerweise kommunizieren die Betroffenen fast nur noch über den PC. Andere Hobbys und Freunde sind in ihrem Leben kaum noch von Bedeutung. Spielsüchtige Kinder reden und schlafen zudem sehr wenig und haben vermehrt Konzentrationsprobleme. "Man muss jedoch schon genau hinschauen und darf nicht pauschal alles als Sucht abstempeln", hebt die Medizinpsychologin hervor.

Viele werden vorschnell in eine Suchtklinik eingewiesen

In einer Untersuchung stellte ihr Team fest, dass in einer Klinik für mediensüchtige Jugendliche in Boltenhagen in Mecklenburg nur jeder Fünfte wirklich PC-abhängig war. Viele der Jugendlichen waren offenbar vorschnell eingewiesen worden. Umgekehrt wagen viele Psychologen und Psychiater bei einer exzessiven PC-Nutzung lange Zeit nicht, von einer Sucht zu sprechen, weil sie den übermäßigen Gebrauch des Computers nicht mit dem Missbrauch von Drogen gleichsetzen wollen.

Jüngste Erkenntnisse legen jedoch frappierende Parallelen offen. "Auch beim PC-Missbrauch entsteht ein Suchtgedächtnis im Gehirn. Die zugrundeliegenden Lernmechanismen sind vergleichbar mit denen bei einer Drogensucht", so Grüsser-Sinopoli. Diesen Befund wird sie demnächst im Fachmagazin "Behavioral Neuroscience" veröffentlichen.

PC-Spiel verschafft Kick wie bei Alkoholikern das Bier

Für Grüsser-Sinopoli erhärtet sich damit ein Verdacht, den sie schon seit einiger Zeit hegt. 2005 hatte sie erstmals beim Messen der Gehirnströme von Computerspiel-Abhängigen ähnliche Muster gefunden wie bei Alkoholikern. "Die exzessiven Computerspieler waren viel erregter als andere PC-Nutzer". Das PC-Spiel verschaffe den Abhängigen einen Kick und unterdrücke unangenehme Gefühle genauso wie das Bier beim Alkoholiker. Das Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert, die berauschende Erfahrung im Suchtgedächtnis gespeichert. "Das Hirn lernt, dass der Computer das Einzige ist, was Spaß macht", sagt Grüsser-Sinopoli.

Die Abhängigkeit von technischen Geräten ist dabei keineswegs ein rein akademisches Problem und auch nicht nur eines von Jugendlichen. Internetsüchtige, exzessive Spieler und Chatwütige tauchen in allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen auf. Bei einer Internetumfrage unter 7000 Computerspiel-Nutzern stufte das Team der Medizinpsychologin zehn Prozent als süchtig ein. Der soziale Druck, den PC regelmäßig zu nutzen, ist aber unter Jugendlichen besonders groß. Die Erlebnisse im Chat und in Computerspielen sind für sie ein wichtiger Gesprächsstoff. Wer nicht mitreden kann, ist out.

Bei einer Studie mit etwa 350 Fünft- und Sechstklässlern an Berliner Schulen zeigten zehn Prozent einen krankhaft exzessiven PC-Gebrauch. Bei drei Prozent wurde eine Sucht festgestellt. "Das ist eine ganze Menge", findet Grüsser-Sinopoli. "Es ist anzunehmen, dass die Zahlen steigen, da es immer mehr perfekt auf die Bedürfnisse zugeschnittene Internet- und Spielangebote gibt."

Je verlockender die virtuelle Welt, desto größer ist die Gefahr, sich der realen gänzlich zu entziehen. Wer in einer heruntergekommenen Wohnung haust, kann sich in einem Online-Spiel wie "Second Life" spielend leicht ein virtuelles, luxuriöses Zuhause erschaffen und dort sogar reich werden. Der Nutzer schlüpft in eine Rolle, in der er anerkannt und belohnt wird. Trotz dieser Gefahren ist für Grüsser-Sinopoli klar, dass es nicht darum geht, Abstinenz zu verordnen. "Die modernen Medien sind Teil unserer Welt. Die Menschen müssen einen kompetenten Umgang mit diesen erlernen."

Hilfe bei Computersucht

Unter www.onlinesucht.de zeigt der Verein Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige eine Liste von Therapeuten und Suchthilfestellen. Die Evangelische Kirche bietet Betroffenen unter www.sucht.org Hilfe. Mehr Infos zur Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe Berlin gibt es bei www.verhaltenssucht.de

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