Ärzte Zeitung online, 07.08.2008

Alkohol - ein unterschätztes Karzinogen

Alkohol schädigt nicht nur die Leber, je mehr getrunken wird, desto größer ist auch das Risiko von Krebserkrankungen. Alkohol-assoziierte Tumoren bilden sich vor allem in Mundhöhle, Pharynx, Larynx und Ösophagus.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Alkohol schädigt die Leber. Eine alkoholische Lebererkrankung führt bei jedem fünften bis zehnten Menschen, der mehr als 100 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nimmt, zu einer Leberzirrhose. Und Zirrhose-Patienten wiederum tragen ein Risiko von einem Prozent, innerhalb eines Jahres an einem hepatozellulären Karzinom zu erkranken. Diese viel beschriebene Sequenz dürfte das sein, was fast allen Ärzten als allererstes einfällt, wenn von Alkohol als Karzinogen die Rede ist.

Doch das ist längst nicht alles: Auch im oberen Verdauungstrakt, in den Atemwegen, im Dickdarm und in der Brust erhöht Alkohol die Krebsinzidenz deutlich, berichten Professor Helmut Seitz und Dr. Peter Becker vom Krankenhaus Salem der Universität Heidelberg in der Zeitschrift "Sucht" (54, 2008, 54, 126).

Die Gründe, warum Alkohol die Entstehung maligner Tumore begünstigt, sind vielfältig. Eine wichtige Bedeutung scheint Acetaldehyd zu haben. Dieses Karzinogen ist zum einen das erste Zwischenprodukt des Alkoholabbaus durch das Enzym Alkoholdehydrogenase in der Leber. Es ist aber auch in alkoholischen Getränken enthalten, und es wird durch Bakterien der Darmflora und der Mundflora aus Alkohol hergestellt. Auf molekularer Ebene lagert sich Acetaldehyd an die DNA an und beeinträchtigt deren Funktion.

Auch Alkohol selbst trägt zur Fehlfunktion der Gene bei. Er beeinflusst außerdem diverse Hormone, die ihrerseits die Krebsentstehung beeinflussen. Aufgewogen werden diese Effekte durch protektive Faktoren wie einige Vitamine, Folsäure oder auch Zink. Das komplexe Zusammenspiel der Faktoren hat zur Folge, dass das mit Alkohol assoziierte Krebsrisiko individuell sehr unterschiedlich ist: "Insgesamt entwickelt nur ein relativ geringer Anteil von regelmäßig Alkohol konsumierenden Menschen bösartige Tumore. Umgekehrt entstehen bei manchen Personen alkoholassoziierte Karzinome bereits bei einer relativ geringen Alkoholzufuhr", so Becker und Seitz.

Plattenepithelkarzinome von Mundhöhle, Pharynx, Larynx und Ösophagus gehören zu den Tumoren, bei denen der Zusammenhang mit Alkohol besonders eng ist. Der Effekt ist hier weitgehend dosisabhängig und wird durch ein schlechte Mundhygiene mit erhöhter Acetaldehyd-Produktion noch verstärkt. Bei bis zu achtzig Prozent der Patienten mit einem dieser Karzinome liegt zusätzlich noch ein Nikotinabusus vor.

"Alkohol und Nikotin wirken nicht nur rein additiv, sondern multiplizieren das Tumorrisiko", betonen die Autoren. So erhöhen 80 Gramm Alkohol pro Tag (etwa drei Flaschen Bier) das Risiko für ein Plattenepithelkarzinom des Ösophagus um den Faktor 18, Rauchen alleine um den Faktor 5. Menschen mit beiden Lastern bringen es schon auf ein 44-fach erhöhtes Risiko. Noch extremer ist der Kombinationseffekt beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle: Mehr als 90 Gramm Alkohol pro Tag versechsfachen das Krebsrisiko. Eine Schachtel Zigaretten am Tag verdoppelt es. Wird beides zusammen praktiziert, schnellt die Krebsgefahr im Vergleich mit abstinenten Personen um den Faktor 50 nach oben.

Nicht ganz so gefährlich ist Alkohol für den Dickdarm. 50 Gramm Alkohol am Tag (zwei Flaschen Bier) erhöhen das Risiko nach Angaben von Seitz um immerhin 40 Prozent. Ähnliche Dimensionen finden sich beim Brustkrebs. Als Faustregel für Frauen gibt Seitz an, dass ein Drink am Tag, also etwa 15 Gramm Alkohol, das Brustkrebsrisiko um 10 Prozent erhöht. Jeder weitere Drink bringt dann noch mal 10 Prozent mehr Risiko.

Wie sollte sich ein Arzt nun bei Patienten verhalten, bei denen er weiß, dass sie regelmäßig größere Mengen Alkohol zu sich nehmen? Seitz und Becker plädieren klar für erhöhte Wachsamkeit und für einen frühen Einsatz von diagnostischen Maßnahmen, mit denen Tumoren abgeklärt werden können.

Wer raucht und trinkt, bei dem sollte zumindest in der Mundhöhle regelmäßig nach Tumorvorstufen gesucht werden. Diese Leukoplakien und Erythroplakien sind mit dem bloßen Auge zu erkennen. Ein Pharyngoskop kann helfen, nicht einsehbare Bereiche sichtbar zu machen.

Mit Blick auf das erhöhte Risiko von Dickdarmkarzinomen sollte bei fraglichen Symptomen oder Befunden wie Änderung der Stuhlgewohnheiten, neu aufgetretenen und anhaltenden Bauchschmerzen oder unklarer Anämie die Indikation zur Darmspiegelung großzügiger als sonst gestellt werden. Die gesetzlichen Vorsorgekoloskopien ab 55 Jahren sollten ohnehin Pflicht sein.

Frauen mit familiär erhöhtem Brustkrebsrisiko schließlich empfehlen die Autoren, den regelmäßigen Konsum größerer Alkoholmengen möglichst zu vermeiden. Diese Empfehlung gilt insbesondere in Phasen höherer Östrogenspiegel in der Zyklusmitte sowie bei zusätzlicher Hormoneinnahme, weil es Hinweise darauf gibt, dass Alkohol und Östrogene bei der Tumorentstehung synergistisch wirken könnten.

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