Ärzte Zeitung online, 05.08.2008

Zigaretten in der Schwangerschaft - das Babygift wirkt Jahrzehnte lang

Die meisten Frauen wissen, dass Rauchen in der Schwangerschaft das ungeborene Kind schwer belastet. Trotzdem raucht jede fünfte Schwangere weiter. Mit jeder einzelnen Zigarette wächst das Risiko für das Baby, in seiner Entwicklung beeinträchtigt und gesundheitlich geschädigt zu werden, betont die Stiftung Kindergesundheit aus München. Die Folgen für die betroffenen Kinder sind vielfältig.

 Zigaretten in der Schwangerschaft - das Babygift wirkt Jahrzehnte lang

Foto: PhotoDisc

Von Lajos Schöne

"Die im Zigarettenrauch enthaltenen Giftstoffe reichen von Kohlenmonoxyd und Stickoxyden über Blausäure, Ammoniak und Schwefelwasserstoff bis zu Teer und Kadmium", sagt Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung. In Studien wurden Nachteile des Rauchens für das Ungeborene eindeutig belegt:

  • Nikotin verengt die Gefäße und verringert auch die Durchblutung der Plazenta. Kohlenmonoxyd verdrängt den Sauerstoff aus den roten Blutkörperchen - das Kind leidet unter chronischem Sauerstoffmangel.
  • Als Folge der schlecht durchbluteten Plazenta erhält das Ungeborene auch weniger Nährstoffe. Es wächst deshalb langsamer. Ein kleiner Kopfumfang, vermindertes Längenwachstum und ein Gewichtsdefizit von bis zu 300 g können die Folgen sein. Jungen sind von intrauteriner Wachstumsretardierung häufiger und stärker betroffen als Mädchen.
  • Als besonders giftige Komponente des Tabakrauchs gilt Kadmium. Die Konzentration des Schwermetalls steigt mit jeder gerauchten Zigarette sowohl im Blut der Mutter, als auch im Nabelschnurblut deutlich an.
  • Rauchende Mütter haben häufiger Fehlgeburten als Nichtraucherinnen. Ihr Risiko für vorzeitige Blutungen, einen ungünstigen Sitz der Plazenta in der Gebärmutter ("Vorfall"), für einen vorzeitigen Blasensprung und auch für Frühgeburten ist erhöht.
  • Rauchen in der Schwangerschaft fördert auch die Allergieanfälligkeit. Ekzeme und Asthma sind bei Kindern rauchender Mütter zwei- bis fünfmal häufiger als bei Kindern nicht rauchender Mütter.
  • Rauchen werdende Mütter mehr als zehn Zigaretten täglich, steigt das Risiko für den plötzlichen Säuglingstod (SIDS) auf das siebenfache.

Weitere Belastungen durch Rauchen in der Schwangerschaft treten erst später zutage, betont die Stiftung. Nach Untersuchungen in Schweden erhöhen schon 10 Zigaretten täglich das Risiko für ein ungeborenes Kind um 50 Prozent, später an Leukämie oder anderen Krebsarten zu erkranken. Ebenso liegt das Risiko für Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen und Hyperaktivität bei Kindern von Raucherinnen bei 22 Prozent, im Vergleich zu 8 Prozent bei Kindern von Nichtraucherinnen.

Am besten wäre es natürlich, wenn Frauen bereits vor Eintritt der Schwangerschaft auf Zigaretten verzichten würden. Doch auch während der Schwangerschaft ist "jede nicht gerauchte Zigarette ein Gewinn für das Baby" sagt Koletzko. Für die häufige Behauptung, ein Rauchstopp in der Schwangerschaft belastet das Ungeborene, fehle jede wissenschaftliche Bestätigung. "Auch die unangenehmen Entzugserscheinungen, die bei der Mutter auftreten können, sind nicht zu vergleichen mit der Befürchtung, dem Baby durch das Rauchen möglicherweise dauerhaften Schaden zugeführt zu haben".

Für Schwangere, die vom Rauchen loskommen wollen, sind die Alternativen allerdings begrenzt, da man in dieser Zeit auf die Einnahme von Medikamenten nach Möglichkeit verzichten sollte:

  • Am einfachsten geht es mit der radikalen Methode: Man hört schlagartig mit dem Rauchen auf. Bei dieser Methode gibt es die wenigsten Rückfälle. Am besten fasst man den Entschluss zusammen mit dem Partner.
  • Bei langsamer Reduzierung sollte man sich vornehmen, erst auf unter zehn, dann auf unter fünf Zigaretten pro Tag zu kommen (um am Ende vielleicht ganz aufzuhören).

Selbst wenn es ihnen gelungen ist, während der Schwangerschaft auf Zigaretten zu verzichten, fangen viele Raucherinnen schon kurz nach der Entbindung wieder an zu rauchen. Doch während der Stillzeit sind Babys rauchender Eltern doppelt belastet: Zum einen durch schadstoffbelastete Muttermilch, zum anderen durch rauchgeschwängerte Luft.

Nikotin ist fettlöslich, gelangt sehr schnell in die Muttermilch und erreicht dort dreifach höhere Konzentrationen als im Blut. Die unmittelbare Folge sind schlechtes Trinken, Unruhe, Koliken, Erbrechen und unbefriedigende Gewichtszunahme. "Dennoch möchten wir auch Raucherinnen weiterhin zu Stillen raten", betont Koletzko. "Die Ernährung an der Brust bringt für das Baby viele Vorteile. Deshalb ist es trotz aller Bedenken immer noch besser, zu rauchen und zu stillen als zu rauchen und nicht zu stillen".

Die Gesundheit von Ungeborenen und Babys ist auch durch Schadstoffe aus dem Zigarettenrauch des Vaters und der Umgebung bedroht. "Rauchen in Anwesenheit von Schwangeren und Kindern kommt einer Körperverletzung gleich", sagt Koletzko dazu. Die Stiftung Kindergesundheit fordert deshalb mehr Aufklärung über die Gefahren des Passivrauchens. Notwendig seien auch qualitätsgesicherte Beratungsangebote für Schwangere über die Folgen des Rauchens sowie effektive Entwöhnungsprogramme in Praxen und Kliniken.

Weitere Informationen gibt es unter www.kindergesundheit.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Abwarten schlägt Op

Zumindest in den ersten sechs Jahren nach Diagnose haben Männer mit lokalisiertem Prostata-Ca eine bessere Lebensqualität, wenn sie sich nicht unters Messer legen. mehr »

No deal-Brexit? Dieses Szenario lässt NHS-Angestellte schaudern

Je mehr Zeit in ergebnislosen Verhandlungen verrinnt, desto nervöser werden Beschäftigte vor allem im Gesundheitswesen. Ein Brexit ohne Vertrag mit der EU? Im NHS fürchtet man in diesem Fall ein Desaster. mehr »

Der reine Telearzt kommt

Fernbehandlung ohne Erstkontakt in der Praxis? Im Ländle wird dieses Modell jetzt erstmals getestet. Die Kammer dort hat gerade das erste Projekt genehmigt. mehr »