Ärzte Zeitung online, 14.08.2008

Erfolglos im realen Leben - Held in virtuellen Welten

MÜNCHEN. Im Prinzip kann jedes Verhalten zur Sucht werden. Abhängig von Internet und Computerspielen drohen vor allem Kinder und Jugendliche zu werden, die im realen Leben wenig Erfolgserlebnisse haben und Ersatzbefriedigung in virtuelle Welten finden.

Von Werner Stingl

Erfolglos im realen Leben - Held in in virtuellen Welten.

Foto: dpa

Die Grenzen zwischen einer noch normalen und einer krankhaften Nutzung von Internet und Computerspielen sind fließend. Einheitliche Diagnosekriterien, die einen suchtartigen, therapiebedürftigen Gebrauch definieren, gibt es - anders als etwa für das pathologische Glücksspiel -noch nicht, hat Dr. Christoph Möller aus Hannover berichtet. Epidemiologische Daten zur Häufigkeit der Internet- und Computerspielsucht sind deshalb mit Vorbehalt zu betrachten, sagte Möller beim 9. Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin in München.

Ergebnisse mehrerer Studien aus Deutschland schätzen 3 bis 12 Prozent der Befragten als Internet- oder Computerspiel-süchtig ein. Da es sich bei diesen Untersuchungen überwiegend um Online-Befragungen handelt, sind die Befragungen allerdings nicht repräsentativ.

Merkmale einer Internet- beziehungsweise Computerspielsucht sind:

  • Der Gebrauch der entsprechenden Medien wird zur offensichtlich zur wichtigsten Aktivität und beherrscht das Denken, Fühlen und Handeln des Betroffenen.
  • Die Medien werden gebraucht, um negative Gefühlszustände zu regulieren.
  • Eine erzwungene Abstinenz führt zu Entzugserscheinungen wie Unruhe, Nervosität, Aggressivität sowie vegetativen Symptomen.
  • Der Konsum kann vom Betroffenen zeitlich und inhaltlich nicht mehr kontrolliert werden und Toleranzentwicklungen führen zu einem immer exzessiveren Gebrauch.
  • Nach Zeiten der Abstinenz oder des kontrollierten Konsums kommt es immer wieder zu Rückfallexzessen.
  • Der destruktive Umgang mit Internet und Computerspielen wird dabei aufrecht erhalten, obwohl negative Folgen für Schule, Ausbildung, Hobbys und reale Sozialkontakte offensichtlich sind.

Niederlagen in Schule und Alltagserleben sind bei vielen betroffenen Jugendlichen jedoch nicht nur Folge, sondern oft auch Ursache von Computerspiel- oder Internetsucht, so der suchtherapeutisch tätige Kinder- und Jugendpsychiater. Denn wem im wirklichen Leben soziale, schulische und sonstige Anerkennungen versagt bleiben, ist eher gefährdet, sich in virtuellen Welten zu verlieren. Dort kann man sich alle Stärken und Attribute andichten, die man in der Wirklichkeit nicht hat oder nicht zu haben glaubt. Und in der Anonymität von Internetforen kommt auch der sozial Gehemmte in geschriebener Kommunikation leicht zu Wort. Besonders gefährdet für eine Computerspielsucht sind auch Kinder und Jugendliche mit ADHS. Ihre Störung, die ihnen etwa auf der Schulbank schwer zu schaffen macht, scheint sie für schnell wechselnde Computerspielsituationen hervorragend zu rüsten und fördert damit erfolgsgetriggerte Abhängigkeiten, so Möller.

Um als Hausarzt oder Kinderarzt ein kritisches Internet- oder Computerspielverhalten aufzudecken, sollte man bei Routine-Anamnesen immer auch klären, welchen zeitlichen und inhaltlichen Raum die entsprechenden neuen Medien im Leben der jungen Patienten einnehmen. So lange sie in der Schule noch gut mitkommen und Muse für alternative Freizeitgestaltungen haben, befinden sie sich noch im grünen Bereich. Im Zweifelsfall oder bei klaren Hinweisen auf ein gestörtes Internet- oder Computerspielverhalten sollte an psychosoziale Beratungsstellen überwiesen werden, die damit Erfahrung haben.

Ein ausgeprägtes Suchtverhalten kann aber manchmal nur noch durch einen stationären Entzug korrigiert werden. Anders als bei vielen anderen Süchten, ist bei Internet- und Computerspielsüchtigen die totale Abstinenz vom Suchtmittel keine Option. Denn kaum ein Beruf kommt heute noch ohne Computer und Internet aus. Ziel ist daher, wieder einen stabil kontrollierten Umgang mit diesen Medien zu erreichen.

Seit März bietet an der Universität Mainz eine Ambulanz für Spielsucht Rat und Hilfe. Infos: Tel. 0 61 31/ 3 92 48 07, Montag bis Freitag, 10 bis 16 Uhr.

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