Ärzte Zeitung online, 02.03.2009
 

Suchtexperte hält Alkoholbekämpfung für unglaubwürdig

MANNHEIM (dpa). Die Bekämpfung von Alkohol- und Zigarettensucht in Deutschland ist aus Sicht des Mannheimer Suchtexperten Professor Karl Mann unglaubwürdig. "Solange sich Politik und Gesellschaft nicht klar für eine Reduzierung der Werbung einsetzen, muss man sich nicht über Erscheinungen wie Komasaufen wundern", sagte Mann der dpa.

"Einerseits wird aufgeschrien, andererseits erhöhen Städte ihre Werbeflächen für Alkohol, wie zuletzt im Südwesten. Das ist verlogen", kritisierte der stellvertretende Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim. "Da muss man sich nicht wundern, wenn die Jugendlichen die Gefahr nicht ernst nehmen und Kinder das mit dem Leben bezahlen", meinte Mann. Für den Mediziner stellt der inkonsequente Umgang mit der Thematik ein zentrales Problem bei der Bekämpfung von Alkoholmissbrauch dar. Der Einfluss von Lobbyisten aus der Alkohol- und Tabakindustrie verhindere in Deutschland einen wirksamen Schutz.

Es sei normal, dass Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenwerden Grenzen austesteten und sich auflehnten. "Dabei gibt es immer ein Probieren mit verschiedenen Substanzen", sagte der Suchtexperte. "Vor ein paar Jahren waren das Ecstasy und Cannabis - heute ist es der Alkohol." Dies sei insofern fatal, als dass die Wirkung von Alkohol schnell unterschätzt werden könne. Anders als illegale Drogen sei er gesellschaftlich anerkannt und gehöre zu den Feiern der Erwachsenen.

"So sehr sich Jugendliche abgrenzen wollen, so sehr wollen sie aber auch ein Teil dieser Erwachsenenwelt sein", schilderte Mann. Der Griff zur Flasche gehöre da fast zwangsläufig als Abbild der Gesellschaft dazu. "Gerade beim Fasching gehört das ja auch zur Erwachsenenwelt."

Mann appellierte an die Erwachsenen, Vorbild zu sein. "Das klingt so simpel, ist aber wichtig." Zuhause wie auch in der Schule müsse das Thema offen diskutiert werden. "Und auch wenn es passiert ist, müssen die Eltern hinsehen und sich kümmern." Ein Drittel der Eltern besuche aber beispielsweise ihre Kinder nicht im Krankenhaus, wenn diese dort mit einer Alkoholvergiftung lägen.

Internet: www.zi-mannheim.de

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