Ärzte Zeitung online, 28.12.2009

Neuer Verband sieht Mediensucht als eigenständige Krankheit

HANNOVER. Der Fachverband Medienabhängigkeit setzt sich dafür ein, dass diese Form der Sucht als neue Krankheit anerkannt wird. Um das zu erreichen, will der Verband zunächst Leitlinien zu Prävention, Diagnostik und Therapie entwickeln.

Neuer Verband sieht Mediensucht als eigenständige Krankheit

Kinder beim Computerspiel.

Foto: © ARMSTARK / fotolia.de

Von Beate Grübler

Der im vorigen Jahr gegründete Verband, dem etwa 50 Suchtberater, Therapeuten und Wissenschaftler angehören, richtete kürzlich in Hannover erstmals eine wissenschaftliche Tagung aus. Wie Privatdozent Dr. Bert te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover dabei berichtete, kann übermäßige Mediennutzung zum klassischen Bild einer Suchterkrankung führen.

Allerdings bereiten Nomenklatur und nosologische Zuordnung Probleme: Begriffe wie Internetsucht, Computerspielsucht oder auch Medienabhängigkeit werden parallel verwendet, und gedeutet wird das auffällige Verhalten wahlweise als Symptom bekannter psychischer Krankheiten, als Impulskontrollstörung, als Persönlichkeitsstörung oder als nicht-substanzgebundene Abhängigkeitsstörung.

Forscher gehen von über 14 000 Spielesüchtigen aus

Einig waren sich die Experten darin, dass Medienabhängigkeit zumindest mit Blick auf die Computerspielsucht relativ häufig ist. Bei einer deutschlandweiten repräsentativen Erhebung unter 15000 Schülern wiesen etwa 1,7 Prozent der unter 15-Jährigen die Kernmerkmale einer solchen Abhängigkeit auf. Jungen sind dabei weit stärker betroffen als Mädchen. Die Forscher gehen davon aus, dass in Deutschland etwa 14 300 Jugendliche vom Computerspielen abhängig sind und weitere 23 000 suchtgefährdet sind.

Bisher gibt es jedoch keine etablierten diagnostischen Kriterien, an denen sich eine Medienabhängigkeit festmachen lässt. Denn das suchtauslösende Potenzial hängt nicht nur maßgeblich von der Dauer des Medienkonsums ab, sondern auch von den Inhalten - Computerrollenspiele gelten zum Beispiel als besonders gefährlich, weil sich darin virtuelle und reale Spielwelten mischen. "Auch beim Thema Prävention müssen wir zunächst herausfinden, was denn eigentlich die Faszination der Online-Welt ausmacht", sagte Dorothee Mücken von der Drogenhilfe Köln.

Bei der Behandlung wird vorwiegend auf kognitiv-behaviorale Psychotherapien gesetzt. Der kognitive Therapieanteil setzt dabei auf die Analyse und Veränderung pathologischer Denkprozesse. Positive Verstärker des Suchtverhaltens sind virtuelle Belohnungen, zu den negativen Verstärkern gehören reale Kränkungen, die analysiert und aufgearbeitet werden müssen. Der verhaltenstherapeutische Teil zielt mehr auf die konkrete Veränderung von Verhaltensweisen ab, wobei es vor allem darum geht, die exzessive Mediennutzung durch geänderte Verhaltensweisen in der realen Welt zu ersetzen.

Computer sind nichts für Kleinkinder

Wenig sinnvoll ist es nach Auffassung der Experten, schon Kleinkinder dosiert am Computer spielen zu lassen. Für die Annahme, dadurch lasse sich eine Suchtentwicklung bei Heranwachsenden vermeiden, gibt es keine Belege. "Kinder müssen zuerst ihre motorischen und sensorischen Fähigkeiten ausbilden, damit das Gehirn seine volle Leistungsfähigkeit erlangt", sagte Arnhild Zorr-Werner von der Stiftung Medien- und Onlinesucht in Lüneburg.

Beim Medienkonsum werden jedoch Hör- und Seheindrücke von der körperlichen Aktivität abgekoppelt. Deshalb geht es bei kleinen Kindern vordringlich darum, ihre ersten Medienerfahrungen mit dem Fernsehen zu kanalisieren. Sie müssen nach Angaben von Zorr-Werner zunächst lernen, die Eindrücke in Worten und Bild zu verarbeiten, bevor sie an das nächste Medium herangeführt werden.

Mehr Informationen zum Fachverband Medienabhängigkeit e.V. gibt es unter www.fv-medienabhaengigkeit.de

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