Ärzte Zeitung online, 15.12.2009

Patentrezept gegen Komasaufen gesucht

WIESBADEN (dpa). Sucht-Experten fordern höhere Preise für Alkohol, weniger Werbung, jugendliche Testkäufer und ein besseres Hilfe- und Beratungssystem in den Kommunen, um den Trend umzukehren. Ein Patentrezept ist aber noch nicht ihn Sicht.

Die Nachrichten von schwer betrunkenen Kindern reißen nicht ab. In Kaiserslautern wurde Anfang Dezember eine 13- Jährige mit einem Alkoholwert von 2,4 Promille ins Krankenhaus eingeliefert, in Berlin stifteten Jugendlichen einen erst 7-jährigen zum Trinken an, er landete mit mehr als zwei Promille in der Notaufnahme.

Und Mitte November drohten mehrere junge Leute einem 15-Jährigen im baden-württembergischen Filderstadt mit Schlägen, wenn er nicht eine Flasche Wodka leer trinke. Der Trend zum Komasaufen, aber auch zum zwanghaften Alkoholkonsum steigt, das belegen auch die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Danach wurden 2008 rund 25 700 Jungen und Mädchen mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus aufgenommen, so viele wie noch nie zuvor.

"Die Droge Alkohol wird in der Gesellschaft bagatellisiert", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Professor Fred Zepp. Alkohol werde in der Werbung als Lifestyle-Genussmittel angepriesen und zu sehr mit Wohlstand, Modernität und einem freien Leben in Verbindung gebracht. "In der Beratung und in der Schule muss stärker zum Ausdruck gebracht werden, dass man sich mit Alkohol gefährdet." Viele Jugendliche griffen heute früher und schneller zu hochprozentigem Alkohol wie Wodka.

Die Aufmerksamkeit für Alkoholproblem bei Kindern und Jugendlichen ist gewachsen

Dr. Wilfried Köhler vom Frankfurter Bürgerhospital und Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (dhs) meinen, die allgemeine Aufmerksamkeit für eine Alkoholvergiftung bei Kindern und Jugendlichen sei glücklicherweise gewachsen, und viele würden daher eher in eine Klinik gebracht. "Früher hat man verschämter versucht, das unter der Decke zu halten", sagt Köhler, der ärztliche Direktor des Krankenhauses, in das in Frankfurt alle volltrunkenen Kinder und Jugendlichen gebracht werden.

Der Arzt hat aber auch einen anderen Trend beim Komasaufen ausgemacht: "Die skandinavisch-englische Sitte, sich gemeinsam die Kante zu geben, ist zunehmend verbreitet - ähnlich wie eine Mutprobe." Auch bei Mädchen: "Mädchen sind heute auch mutig", betont Köhler. Zepp ergänzt: "Mädchen sind scheinbar früher reifer." Das Alter, in dem sie Kontakt mit Jungs suchten, sei in den vergangenen Jahren gesunken. Außerdem vertragen sie weniger Alkohol als Jungen.

Experten fordern, die Kosten für Alkohol zu erhöhen

"Das Beste wäre, die Kosten für Alkohol zu erhöhen. Das geht gerade bei jungen Leuten ans Portemonnaie", sagt Gabriele Bartsch von der dhs in Hamm, dem Dachverband zahlreicher Wohlfahrtsverbände und Organisationen der Suchthilfe. Daneben dürfte aber die Information nicht vernachlässigt werden. "Die Prävention senkt den Konsum in dem Alter noch nicht, wirkt aber vielleicht 1,5 Jahre später."

Die Deutsche Kinderhilfe fordert die Innenministerkonferenz zum Handeln auf und zählt gleich eine ganze Reihe von Feldern auf: "Skrupellose Geschäftemacher, die Alkohol an Kinder und Jugendliche abgeben; eine Alkoholindustrie, die sich entgegen anders lautender Lippenbekenntnisse ganz gezielt Jugendliche in aufwendigen Lifestylekampagnen als Zielgruppe gesucht hat; und eine kommunale Überwachungspraxis, der die Parkraumbewirtschaftung wichtiger als der Jugendschutz ist".

Nach dem Vorbild anderer europäischer Länder fordert die Kinderhilfe ein nächtliches Verkaufsverbot für Alkohol und den Einsatz junger Testkäufer, um schwarze Schafe zu entlarven.

Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen plädiert für eine enge Abstimmung von Beratung, Hilfe und Ordnungspolitik in den Kommunen. Jugend- und Suchthilfe, Ordnungs-, und Gesundheitsamt sowie Kliniken, Ärzte und die Polizei müssten zusammenarbeiten. Volltrunkene Kinder und Jugendliche sollten nicht einfach im Krankenhaus behandelt werden, sondern wie im Frankfurter Bürgerhospital zusammen mit ihren Eltern gleich auch beraten werden.

www.dhs.de

www.kinderhilfe.de

www.hls-online.org

Lesen Sie dazu auch:
Ratgeber zu Auswegen aus Flatrate-Trinken und Koma-Saufen

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