Ärzte Zeitung online, 01.04.2011

Neue Wege gegen die Alkoholsucht

Mit einem reinen Entzug ist den wenigsten Alkoholkranken geholfen. Gefragt sind vielmehr langfristige Strategien, die den Konsum senken. Medikamente können die Entwöhnung unterstützen, noch gibt es dafür aber nur wenige Optionen. Ärzte sind daher auf der Suche nach neuen Wegen, die den Griff zur Flasche erschweren.

Von Thomas Müller

Neue Wege gegen die Alkoholsucht

An der Flasche: Suchttherapeuten arbeiten an neuen Strategien gegen den Abusus.

© dpa

REGENSBURG. Noch immer gilt in Deutschland die Abstinenz als Hauptziel der Therapie bei Suchtkranken, so Privatdozent Norbert Wodarz vom Bezirksklinikum Regensburg.

Beschränkt sich die Therapie jedoch nur auf den körperlichen Entzug, wie es Kostenträger häufig fordern, dann werden innerhalb von einem Jahr etwa fünf von sechs Suchtkranken wieder rückfällig, schreibt Wodarz in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "NeuroTransmitter" (2011; 3:38).

Eine weiterführende Therapie, etwa eine stationäre Entwöhnung, erfolge jedoch nur bei ein bis zwei Prozent der Suchtkranken. Diese sei jedoch wesentlich erfolgreicher, denn damit lassen sich in Studien immerhin Einjahresabstinenzraten von 32 bis 55 Prozent erzielen.

Die Entwöhnung unterstützen kann dabei auch eine Arzneitherapie. Außer Acamprosat (Campral®) ist in Deutschland seit kurzem auch ein Naltrexon-Präparat (Adepend®) zur Entwöhnung bei Alkoholsüchtigen zugelassen.

Notwendig ist bei einer solchen Behandlung jedoch ein Gesamtbehandlungsplan mit psychosozialen und psychotherapeutischen Interventionen. Bei einer Therapie mit Naltrexon ist ein solcher Plan sogar notwendig, um Regressansprüche zu vermeiden, berichtet der Suchttherapeut.

Wodarz bemängelt jedoch, dass trotz der zugelassenen Entwöhnungsmedikamente viele Ärzte auf eine Pharmakotherapie zur Rückfallprophylaxe verzichten, und häufig liege dies daran, dass eben kein Gesamtbehandlungsplan vorliege.

Doch selbst dann, wenn Suchtpatienten optimal betreut werden, ist eine völlige Abstinenz meist nicht erreichbar. Als Erfolg gilt daher schon, wenn die Patienten deutlich weniger und deutlich seltener zur Flasche greifen. Zu diesem Zweck werden derzeit mehrere neue und auch bekannte Medikamente in Studien geprüft:

Opiatrezeptor-Antagonisten wie Naltrexon konnten in Studien die Trinkmengen bei Alkoholkranken deutlich reduzieren. Weitere Substanzen wie Nalmefene werden zur "Bedarfsmedikation" geprüft. Suchtkranke sollen sie einnehmen, wenn das Risiko für exzessiven Konsum besonders hoch ist, etwa wenn sie mit Freunden ausgehen.

Depot- und Retardformulierungen von Naltrexon sollen zudem die Compliance verbessern. So gibt es inzwischen eine intramuskuläre Depotformulierung von Naltrexon. Sie ist allerdings sehr teuer (etwa 600 Euro für vier Wochen) und in Deutschland nicht erhältlich, kann aber über internationale Apotheken bezogen werden, berichtet Wodarz.

Zu Baclofen gibt es bislang recht widersprüchliche Daten. Bekannt geworden ist die Substanz zur Alkoholentwöhnung nicht zuletzt durch die Selbstbehandlung eines bekannten US-Kardiologen, der sich angeblich mit äußerst hohen Baclofendosierungen (bis 270 mg/d) von seiner Sucht befreite.

Bei Dosierungen über 120 mg/d können jedoch beträchtliche Nebenwirkungen auftreten, warnt Wodarz. Dazu zählen etwa Sedierung, Kopfschmerz, Ataxie, Schwindel, Tremor, Hypotonie und Depressionen sowie Leberwerterhöhungen.

In placebokontrollierten Studien zur Entwöhnung mit niedrigen Dosierungen (30 mg/d) konnte die Substanz bislang nicht überzeugen. Wodarz sieht in Baclofen als Off-Label-Therapie daher allenfalls nach ausführlicher Aufklärung und schriftlicher Einwilligung der Patienten eine Option.

Die maximale Dosis sollte dabei 75 bis 120 mg/d nicht überschreiten. Als Wirkmechanismus wird vermutet, dass Baclofen die alkoholinduzierte Dopaminfreisetzung im Gehirn dämpft. Zugelassen ist das Medikament derzeit ausschließlich zur Therapie bei bestimmten Formen der Spastik

Neue Ansätze: Serotonin-Wiederaufnahmehemmer werden diskutiert, um den Kontrollverlust beim Trinken und impulsives Verhalten zu dämpfen. Substanzen wie der 5-HT3-Antagonist Odansetron zeigten in Studien bislang aber keine anhaltende Wirksamkeit, berichtet Wodarz.

Vielversprechend erschien zunächst auch die Blockade von Cannabinoid-Rezeptoren mit Rimonabant. Die Substanz, ursprünglich zur Gewichtsreduktion eingeführt, wurde jedoch wieder vom Markt genommen, nachdem unter der Therapie vermehrt Depressionen und Suizide auftraten.

Forscher setzen derzeit zudem auf Wirkstoffe gegen Stress induzierende Neurotransmitter wie Substanz P. Die Konzentration solcher Transmitter wird bei Blockade von Neurokinin-1-Rezeptoren verringert; in ersten Studien ließ sich damit auch das Suchtverlangen, das Craving, reduzieren.

Ebenfalls im Fokus stehen Glycin-Wiederaufnahmehemmer. Sie sollen in den Glutamatstoffwechsel an erregenden Synapsen eingreifen und damit das Craving lindern. Größere Studien mit solchen Substanzen stehen allerdings noch aus.

Neue Wege, so Wodarz, sind aber nicht nur bei der Entwöhnung, sondern auch beim Entzug notwendig. In Deutschland werden als medikamentöse Standardtherapie beim Entzug noch immer Clomethiazol oder Benzodiazepine verwendet.

Häufig werde sogar eine Substitution von Alkohol mit Benzodiazepinen propagiert, um alkoholtoxische Organschäden zu vermeiden. Dies könne jedoch sehr problematisch sein, da längerer Benzodiazepinkonsum auch nach dem Absetzen zu kognitiven Defiziten führe.

Da Benzodiazepine bekanntlich ebenfalls ein Suchtpotenzial haben, könne die Therapie damit auch in einem riskanten Mischkonsum mit Alkohol enden.

Erfolgversprechender könnte der Entzug mit modernen Antiepileptika sein. In ersten Studien war Pregabalin (bis 450 mg/d) ähnlich gut wirksam wie Lorazepam (10 mg/d). Pregabalin dämpft erregende glutamaterge und monoaminerge Transmittersysteme.

Für das gabaerg wirkende Gabapentin ließ sich die erhoffte Wirksamkeit in Alkoholentzugs-Studien mit 800 bis 3200 mg/d jedoch nicht bestätigen, schreibt Wodarz.

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