Ärzte Zeitung, 31.05.2012

Methadon und Co.: Schärfere Regeln auch für Ärzte

Nach dem Hamburger Methadon-Skandal verschärft jetzt Bremen die Regeln für die Drogensubstitution. Damit sollen vor allem Kinder von drogenabhängigen Patienten besser geschützt werden.

Von Christian Beneker

Methadon und Co.: Schärfere Regeln auch für Ärzte

Die Abgabe von Methadon ist immer wieder umstritten.

© blacksock / fotolia.com

BREMEN. Konzertierte Aktion gegen Missbrauch bei der Substitution: Bremer Substitutionspatienten werden in Zukunft intensiver betreut und genauer kontrolliert, besonders Patienten mit Kindern.

Deutschlandweit einmalig haben sich im Laufe des vergangenen Jahres in Bremen unter anderem die KV, Ärztekammer, Apothekerkammer, Jugend- und Sozialbehörde sowie Kinderärzte zum runden Tisch Substitution zusammengeschlossen.

Als Zwischenergebnis der Beratungen gelten seit kurzem für Bremer Ärzte verbindliche Standards im Umgang mit Methadonpatienten.

Ärzte sollen von Schweigepflicht entbunden werden

So sollen Ärzte auf Basis einer Schweigepflichtentbindung durch die Methadonpatienten ans Jugendamt melden können, ob ihre Patienten Kinder haben.

"Bei Kindeswohlgefährdung geht selbstverständlich weiterhin Kinderschutz vor Datenschutz", sagt Anton Bartling von der Bremer Sozialbehörde. Dann könne auch gemeldet werden, wenn keine Schweigepflichtentbindung vorliegt.

In Bremen leben 1877 Patienten, die von 66 Drogensubstitution anbietenden Ärzten Methadon erhalten (Stand Oktober 2011). Wie viele der Patienten Kinder haben, weiß man nicht genau.

"Denn drogensüchtige Patienten kommen oft aus Patchworkfamilien, sie leben also nicht unbedingt mit ihren leiblichen Eltern zusammen", sagt Manfred Adryan von der AOK Bremen/Bremerhaven. Adryan ist Vorsitzender der Qualitätssicherungskommission bei der KV Bremen. "Außerdem ändern Methadonpatienten ihre Lebensverhältnisse häufiger".

Alarmierende Ergebnisse bei Haaranalysen von Kindern

Hintergrund der Maßnahmen sind die alarmierenden Ergebnisse von Haaranalysen bei Kindern drogensüchtiger Eltern in Bremen und Bremerhaven.

So wurden in Bremerhaven bei 20 von 24 untersuchten Haarproben von Kindern drogenabhängiger Eltern Drogenrückstände gefunden. Das bestätigte Jugend- und Sozial-Stadtrat Klaus Rosche (SPD) der "Ärzte Zeitung".

Bei einer Untersuchung in Bremen hatte sich 2011 gezeigt, dass 69 von 88 untersuchten Haarproben mit Drogenrückständen belastet waren. In Zukunft sollen darum alle an einer Substitution teilnehmenden Patienten eine psychosoziale Betreuung erhalten, so der Wille des runden Tisches.

Die Ärzte sollen die Patienten deshalb an die entsprechenden Drogenhilfeeinrichtungen der Stadt überweisen.

"Bisher erhielt nur etwa die Hälfte der Substitutionspatienten diese Betreuung", so Adryan. Patienten, bei denen eine solche Betreuung dann unnötig erscheint, sollen nach einem Jahr erneut überwiesen werden.

Auch die "Take-home-Regelung" soll konsequenter angewendet werden. "Offenbar wurde die Regelung in der Vergangenheit recht lax gehandhabt", vermutet Bartling.

In Zukunft sollen nur solche Patienten Methadon für mehrere Tage erhalten, die etwa in einer eigenen Wohnung leben, ihren Haushalt nicht mit Kindern teilen oder keinen Beigebrauch von Alkohol oder anderen Drogen haben.

"Eine Ausnahme von der Kinderregelung kann nur dann gemacht werden, wenn das Jugendamt zustimmt", erklärt Adryan.

Kein Methadon für Angetrunkene

Besonders bei den Beigebrauchskontrollen wird in Zukunft schärfer geprüft. "Für uns ist Alkohol kein Kavaliersdelikt mehr", sagt Bartling.

"Wer angetrunken in die Praxis kommt, erhält kein Methadon." Es liegt allerdings beim Arzt, ob er bei einer Atemalkoholkontrolle 0,5 Promille noch akzeptiert.

Bei der Urinkontrolle soll zukünftig ein Massenspektrometer eingesetzt werden. Zusätzlich können Haaranalysen besonders bei Patienten mit Kindern oder Kindern von Patienten für mehr Sicherheit sorgen.

Auch Bremens Apotheker sollen aufmerksamer sein, wenn etwa ein zweifelhafter Kunde mit Privatrezepten für Benzodiazepine in die Apotheke kommt. Dann ist der Apotheker gehalten, beim verordnenden Arzt Rücksprache zu halten.

Besteht der auf die Verordnung, so soll der Apotheker den Arzt der Kammer melden. Apotheker- und Ärztekammer werden einen entsprechenden gemeinsamen Leitfaden verhandeln.

Nach Kevins Tod blieb erst einmal alles beim Alten

"Uns geht es mit den Maßnahmen vor allem um größere Aufmerksamkeit für die Versorgung von Methadonpatienten und dem Schutz ihrer Kinder", erklärt Bartling.

Bereits nach dem tragischen Tod des Kleinkindes Kevin bei seinem drogenabhängigen Vater in Bremen hatte die KV Bremen ihre Mitglieder zu mehr Aufmerksamkeit und zum Melden von Verdachtsfällen aufgefordert. "Da geschah aber wenig", so Bartling.

"Das ist jetzt anders. Die intensive Diskussion und die Stimmung unter den Beteiligten führt zu mehr Meldezahlen, also zu höherer Aufmerksamkeit. Die Ärzte haben ihre gewachsene Verantwortung angenommen."

Der Runde Tisch befasst sich derzeit auch mit Datenschutzfragen. Heute werden die bisherigen Ergebnisse den Deputationen für Soziales, Jugend und Kinder vorgelegt.

Deputationen sind Verwaltungsausschüsse der Bremischen Bürgerschaft, die die Arbeit der Landes- und Stadtbehörden kontrollieren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Bremen lernt, andere hoffentlich auch!

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