Ärzte Zeitung, 29.05.2015
 

Weltnichtrauchertag am 31. Mai

"Jede Zigarette ist ein Giftgemisch"

Nichtraucherschutz-Gesetze, Warnhinweise auf Zigarettenpackungen, Antiraucher-Kampagnen, Werbeverbote - in Deutschland ist einiges unternommen worden, um den Tabakkonsum einzudämmen. Was mit den Maßnahmen erreicht worden ist, und welche weiteren Schritte nötig wären, erklärt Dr. Martina Pötschke-Langer vom DKFZ in Heidelberg im Interview.

Das Interview führte Beate Schumacher

"Jede Zigarette ist ein Giftgemisch"

Nichtraucherschutz-Gesetze verdeutlichen, dass Rauchen nicht attraktiv ist - da man öffentliche Gebäude verlassen muss, um andere zu schützen.

© Armin Weigel / dpa

Ärzte Zeitung: Hat sich mit den Maßnahmen zur Einschränkung des Rauchens das Rauchverhalten der Deutschen verändert?

Dr. Martina Pötschke-Langer

"Jede Zigarette ist ein Giftgemisch"

© DKFZ

Aktuelle Position: Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im DKFZ und des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle.

Werdegang: 1975-1983: Medizin-Studium in Heidelberg, 1983-1985; Gefäßambulanz der Chirurgischen Uniklinik Heidelberg; 1985-1992: Leitung des Nationalen Blutdruckprogramms beim Institut für Bluthochdruckforschung, später der Hochdruckliga in Heidelberg; seit 1997 Leiterin der Abteilung Krebsprävention am DKFZ in Heidelberg .

Schwerpunkte: Tabakentwöhnung; Tabakzusatzstoffe.

Dr. Martina Pötschke-Langer: Glücklicherweise ja. Der Zigarettenkonsum in Deutschland ist deutlich rückläufig. In den Jahren 2000/2001 wurden pro Jahr noch über 140 Milliarden Zigaretten geraucht; in den letzten Jahren waren es noch rund 80 Milliarden.

Auch in der Raucherprävalenz ist vor allem bei Kindern und Jugendlichen ein deutlicher Rückgang zu sehen, von 28 Prozent im Jahr 2001 auf 12 Prozent im Jahr 2012.

Das gilt jedoch nicht für die Altersgruppe der 25- bis 69-Jährigen: Dort ist die Raucherquote bei den Frauen mit ungefähr 30 Prozent relativ stabil, bei den Männern ist sie nur von 38 auf 34 Prozent zurückgegangen.

Die 18- bis 24-Jährigen rauchen heute ebenfalls seltener, die Quote ist von 44 Prozent bei beiden Geschlechtern auf 32 Prozent bei Frauen und 37 Prozent bei Männern zurückgegangen.

Der Rückgang von jungen Rauchern wird oft mit Präventionsprogrammen in Schulen in Verbindung gebracht. Sind die Programme tatsächlich so erfolgreich?

Pötschke-Langer: Die schulischen Präventionsprogramme sind zwar sehr gut, aber Reichweite und Wirksamkeit sind zu gering, um diese Erfolge zu erklären.

Die beiden größten Programme, "Klasse2000" und "Be smart - don't start", erreichen nur 15 Prozent der Grundschüler und weniger als 10 Prozent der 11- bis 14-Jährigen. Im Alter zwischen 14 und 17, in denen die Entscheidung über das Rauchen fällt, gibt es gar keine Präventionsprogramme.

"Klasse 2000" ist kein tabakspezifisches Programm, hier geht es allgemein um gesunde Lebensführung. 28 Schüler müssen teilnehmen, um einen Schüler vom Rauchen abzuhalten. Bei "Be smart - don't start" gelingt dies vielleicht bei einem von 23 bis 24 Schülern.

Woran liegt es dann, dass junge Menschen heute weniger rauchen?

Pötschke-Langer: Wir führen das vor allem auf die drastischen Tabaksteuererhöhungen in den Jahren 2002-2005 zurück. Genau in diesen Zeitraum fällt ein enormer Rückgang, der kaum anders zu erklären ist.

Steuererhöhungen sind gerade bei Kindern und Jugendlichen das effizienteste Mittel, um das Rauchverhalten zu steuern. Das ist vielfach in Studien gezeigt worden.

Zu den weiteren Rückgängen in den Jahren 2007 bis 2010, auch bei den jungen Erwachsenen, haben sicher auch die Nichtraucherschutz-Gesetze und die damit verbundenen Debatten beigetragen.

Sie haben deutlich gemacht, dass Rauchen nicht attraktiv ist - da man öffentliche Gebäude verlassen muss, um andere zu schützen.

Zeigt sich die Einführung der Nichtraucherschutz-Gesetze vor sieben Jahren schon in einem Rückgang von tabakassoziierten Erkrankungen?

Pötschke-Langer: Leider gibt es in Deutschland keine finanziellen Mittel zur Evaluierung der gesundheitlichen Effekte. Das bedauern wir sehr. Was wir wissen, ist, dass seit Einführung der Gesetze auch zu Hause in Anwesenheit von Kindern weniger geraucht wird.

In anderen Ländern mit Nichtraucherschutz-Gesetzen hat man bei Neugeborenen und Kindern eine Abnahme von Atemwegserkrankungen und -infektionen und plötzlichem Kindstod festgestellt. Auch bei Angestellten in der Gastronomie gehen Atemwegserkrankungen zurück.

In einzelnen Studien wurde außerdem eine verminderte Herzinfarktrate beobachtet, es ist aber schwer, eine Kausalität zu belegen. Solche Effekte lassen sich zudem frühestens nach 10 bis 20 Jahren nachweisen.

Gerade ältere Menschen bezweifeln, dass es sich für sie noch lohnt, mit dem Rauchen aufzuhören. Was kann man aus medizinischer Sicht dazu sagen?

Pötschke-Langer: Ältere Menschen können von einem Rauchstopp noch erheblich profitieren. Eine Studie des DKFZ, in der große Datensätze von Rauchern, Nierauchern und Exrauchern verglichen wurden, hat gerade gezeigt, dass sogar die Überlebensrate noch verbessert wird (BMJ 2015; 350: h1551). Man sollte deswegen unbedingt auch älteren Rauchern den Rauchstopp ans Herz legen.

Müssten Ärzte in puncto Raucherentwöhung überhaupt aktiver werden?

Pötschke-Langer: Hausärzte, Internisten, Pneumologen, Kardiologen und Onkologen sollten grundsätzlich nach dem Rauchverhalten fragen und, wenn die Frage bejaht wird, den Rat geben, mit dem Rauchen aufzuhören.

Der Rat zum Rauchstopp kostet keine Zeit und ist das zentrale Moment für den Ausstieg. Wenn die Zeit da ist, kann man den Patienten zum Beispiel an eine Beratungsstelle verweisen.

Wir haben in Deutschland sehr niedrigschwellige Angebote, zum Beispiel das Rauchertelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder Online-Programme zum Rauchstopp für junge Raucher.

Problematisch ist, dass Entwöhnungsprogramme in der Regel nicht von der GKV gezahlt werden. Ist hier eine Änderung in Sicht?

Pötschke-Langer: Wir haben die Beobachtung gemacht, dass nach Rücksprache abhängig vom Schweregrad auch eine Erstattung erfolgt, aber das ist sehr umständlich. Es wäre in der Tat sinnvoll, die Kosten generell zu ersetzen, der Gewinn für die Kassen wäre enorm.

Nach Daten der Techniker Krankenkasse belaufen sich allein die direkten Kosten durch Krankheit, Pflege und Reha pro Jahr auf fast 25 Milliarden Euro.

Ein mögliches Therapieziel für Alkoholiker neben der kompletten Abstinenz ist das kontrollierte Trinken. Wäre das auch für Raucher ein Konzept?

Pötschke-Langer: Zigaretten unterscheiden sich fundamental von Alkohol. Jede Zigarette schadet der Gesundheit, sie enthält mehr als 90 krebserregende Substanzen, sie ist ein Giftgemisch par excellence. Das kann man von einem Glas Alkohol nicht sagen. Außerdem gelingt es den allerwenigsten Rauchern, am Tag nur ein bis zwei Zigaretten zu rauchen.

E-Zigaretten sind als Hilfsmittel zur Raucherentwöhnung höchst umstritten. Welchen Standpunkt nimmt das DKFZ ein?

Pötschke-Langer: Nach einer aktuellen Cochrane-Analyse reichen die bisherigen klinischen Studien nicht für eine valide Aussage. Die Studien sind widersprüchlich und viele haben methodische Mängel. Ich denke aber, man muss sich die Option offenhalten.

Ich kenne Kollegen, die ihren Patienten als letztes Mittel nahelegen, E-Zigaretten anstelle von Tabakzigaretten zu rauchen. Viele rauchen allerdings beides - und verspielen damit die Chance einer Risikoreduzierung.

E-Zigaretten sind also weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten?

Pötschke-Langer: Im Vergleich sind sie weniger schädlich. Das heißt, es besteht die Möglichkeit, dass ein vollständiger Umstieg auf E-Zigaretten das Gesundheitsrisiko senken könnte.

Beim Inhalieren von E-Zigaretten wird aber ein Chemikaliengemisch konsumiert. Wer zuvor Nichtraucher war, erhöht durch E-Zigaretten sein Gesundheitsrisiko.

Sollten E-Zigaretten genauso reguliert werden wie Tabakwaren?

Pötschke-Langer: Glücklicherweise ist jetzt ein Verkaufsverbot für Kinder und Jugendliche geplant, und zwar für E-Zigaretten mit und ohne Nikotin. Wichtig wäre ein zusätzliches Verbot von Aromen, weil durch die Werbung suggeriert wird, dass hier nur Früchte verdampft werden.

Auch beim Nichtraucherschutz-Gesetz und an Arbeitsstätten müssten E-Zigaretten mit Tabakprodukten gleichgestellt werden, weil sie die Raumluft mit ultrafeinen Partikeln belasten.

Außerdem brauchen wir ein umfassendes Werbeverbot, eine Kennzeichnungspflicht der Inhaltsstoffe und Sicherheitsstandards. Und natürlich steht auch eine Besteuerung der E-Zigaretten an.

Jugendliche rauchen heute zwar deutlich weniger Zigaretten, dafür sind Wasserpfeifen immer beliebter geworden. Welche Risiken ergeben sich daraus?

Pötschke-Langer: Wir sehen diesen Trend mit Sorge. Es wird oft suggeriert, dabei werde nur Wasserdampf inhaliert. Im Rauch von Shishas wurden aber mehr als 80 schädliche Substanzen identifiziert, darunter 30 krebserzeugende, außerdem toxische Metalle, lungengängige Partikel, Kohlenmonoxid in hohen Konzentrationen und Nikotin.

In Zellkultur beeinträchtigt der Rauch das Zellwachstum, Reparaturmechanismen und Gefäßneubildung und fördert Zellalterung, oxidativen Stress und Entzündungsprozesse.

Klinisch wurden akut ein Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz sowie eine Verschlechterung der Lungenfunktion registriert, langfristig drohen KHK und chronische Bronchitis.

In epidemiologischen Studien wurden Lungen-, Magen- und Speiseröhrenkrebs beobachtet. Weitere Schäden sind Parodontitis und Osteoporose und, wenn werdende Mütter rauchen, Schwangerschaftskomplikationen.

Welches Fazit ziehen Sie in puncto Tabakprävention in Deutschland?

Pötschke-Langer: Das Potenzial der bisherigen Maßnahmen ist noch nicht ausgeschöpft. Das gilt vor allem für die Tabaksteuer. Eine weitere Erhöhung um 20 bis 30 Prozent würde einen gut messbaren Effekt haben.

Bei den Nichtraucherschutz-Gesetzen muss nachgebessert werden, hier gibt es zu viele Schlupflöcher. Ein weiterer Ansatz ist die Verfügbarkeit von Zigaretten: Sie ist in Deutschland so hoch wie bei keinem anderen Konsumprodukt.

Ein großes Problem ist auch die Tabakwerbung, die im Alltag sehr präsent ist. Und wir brauchen Warnhinweise in Bild und Text auf Tabakpackungen; wir wissen, dass das gerade Kinder und Jugendliche vom Rauchen abhält.

Und es ist ein Unding, dass es immer noch Schokoladen- und Kaugummizigaretten zu kaufen gibt. Die Hausaufgaben im Bereich Tabakprävention sind noch nicht gemacht.

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