Ärzte Zeitung online, 12.12.2016
 

"Dreisatz in Kneipe ist unlogisch"

Mediziner fordert neue Alkohol-Angaben

Wie viel Alkohol habe ich mit zwei Gläsern Bier getrunken? Mit den Angaben in Volumenprozent auf Flaschen sind Konsumenten völlig überfordert, kritisiert ein Mediziner. Er fordert den Einsatz einer anderen Maßeinheit – die Reaktionen darauf sind gemischt.

Mediziner fordert neue Alkohol-Angaben

Wie viel Alkohol enthalten verschiedene Drinks?

© stockphoto-graf / Fotolia

ROSTOCK. Viele Menschen gehen davon aus, dass sie nach zwei Bier oder zwei Gläsern Wein noch fahrtüchtig sind. "Weit gefehlt", sagt Gernot Rücker, Notfallmediziner an der Universitätsmedizin Rostock. Ein Blick in seine Gramm-Tabelle zeigt, dass zwei Flaschen Bier à 0,5 Liter bei einem 100-Kilo-Mann zu mehr als 0,5 Promille führen.

Zwei Gläser Rotwein mit zwölf Volumenprozent bringen eine Frau von 60 Kilogramm Körpergewicht auf einen Wert von rund einem Promille. Ein Promille Blutalkoholkonzentration (BAK) bedeutet, dass ein Liter Blut einen Milliliter reinen Alkohol enthält.

Gramm-Angabe nötig für Berechnung des Alkoholspiegels

Der bei alkoholischen Getränken übliche Wert in Volumenprozent gibt an, wie viel Prozent des Gesamtvolumens auf reinen Alkohol (Ethanol) entfallen. Zur Berechnung des Blutalkoholspiegels wird die Alkoholmenge in Gramm benötigt – inzwischen gibt es dafür im Internet zahlreiche Promille-Rechner.

Mit einer direkten Angabe der Alkoholmenge in Gramm wäre eine solche Rechnung hingegen ganz einfach, sagt Rücker. Er fordert darum, dass Alkoholmengen pro Flasche künftig so angegeben werden. Die dazugehörigen Tabellenwerte seien leicht einzuprägen und blieben konstant.

Gramm statt Prozent

Im Blick hat er besonders die Jugendlichen, vor allem sie müssten wissen, was sie sich antun. "Und das geht mit Gramm-Angabe und dem Wissen um die Tabellenwerte. In der Kneipe sitzen und einen Dreisatz mit einer Unbekannten ausrechnen, ist doch unlogisch."

"Jedes Jahr sterben rund 70 000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums, 5000 an akuter Alkoholvergiftung. Und fast ein Drittel aller Straftaten und der Großteil der Vergewaltigungen geschehen unter Alkoholeinfluss", erklärt Rücker. 2015 entzogen deutsche Gerichte demnach knapp 50 000 Führerscheine nach Promillefahrten.

Reaktionen auf Rückers Vorstoß

"Ich habe viel Sympathie für alles, was dem Verbraucher einen maßvollen Umgang mit Alkohol leichter macht", sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, zu Rückers Forderung.

Angesichts der Zahl von fast zehn Millionen Menschen, die mehr Alkohol trinken als ihrer Gesundheit guttäte, zeigt sie sich eher skeptisch. Ob die Kennzeichnung wirklich einen Mehrwert bringe, hänge von weiteren Zusatzinformationen auf der Verpackung zur Berechnung abhängig von Geschlecht und Körpergewicht ab.

Der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie verweist auf die Angaben, die die Hersteller auf die Etiketten drucken müssen. Alle anderen für den Endverbraucher interessanten Informationen seien auf der Webseite "massvoll-geniessen.de" zu finden. "Wir gehen davon aus, dass sich die Konsumenten auch Off-Label umfassend informieren", betont Geschäftsführerin Angelika Wiesgen-Pick.

Off-Label-Informationen wirklichkeitsfremd?

Rücker zweifelt daran. Jeder Deutsche trinkt nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Mittel knapp zehn Liter Alkohol jährlich – in gängige Alkoholika wie Bier oder Wein übersetzt etwa eine Badewanne voll.

Die Menschen hätten verlernt, das Genussmittel vom Rauschmittel zu unterscheiden, so der Mediziner. "Wir haben kein Maß mehr." (dpa)

[12.12.2016, 19:25:30]
Thomas Georg Schätzler 
Das ist niemals ein Dreisatz, liebe "dpa"!
Die Formel zur Berechnung des Alkoholgehalts ist: Menge in ml x Angabe Volumenprozent geteilt durch 100 x 0,8 ist gleich Gramm reiner Alkohol. Selbst mit meiner persönlichen maximalen Alkoholisierung, ich trinke höchstens ein Glas Wein à 0,25 Liter, lässt sich daraus kein "Kneipen-Dreisatz" konstruieren. Das gilt hoffentlich auch für die Deutsche Presse Agentur (dpa)!

Außerdem hat die gute alte Tante dpa übersehen, dass hier mit der Widmark-Formel gearbeitet werden muss. Sie berücksichtigt, dass der Anteil von Körperflüssigkeit am Körpergewicht bei Männern (ca. 68%) und Frauen (ca. 55%) unterschiedlich hoch ist. Die Widmark-Formel lautet:
BAK (Promille) = Alkoholmenge in Gramm / (Körpergewicht in Kilogramm x Anteil Körperflüssigkeit)

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) gibt ein Rechenbeispiel: Sie haben 3 Bier (à 0,3 l, ca. 4,8 Vol.-%) getrunken und wiegen 70 Kilogramm.

Mann = (3 x 12 Gramm) / (70 Kilogramm x 0,68) = 0,75 Promille
Frau = (3 x 12 Gramm) / (70 Kilogramm x 0,55) = 0,93 Promille
https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/haeufige-fragen/was-ist-die-blutalkoholkonzentration/

Was ist daran ein Dreisatz?

Der Dreisatz (früher auch: die Regel de tri [von französisch Règle de tri, von lateinisch regula de tribus], auch Verhältnisgleichung, Proportionalität, Schlussrechnung oder kurz Schlüsse genannt) ist ein mathematisches Verfahren, um aus drei gegebenen Werten eines Verhältnisses den unbekannten vierten Wert zu berechnen. Z. B. bei Währungs-Umtausch-Berechnungen von Geldsorten außerhalb des Euro-Raumes (nach WIKIPEDIA).

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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