Ärzte Zeitung, 31.05.2017
 

Suchtmedizin

So bringen Sie Ihre Patienten wirklich vom Glimmstängel weg!

Langjährige Raucher leiden häufig an den Folgeerkrankungen ihrer Sucht. Wie können Hausärzte sie am besten darauf ansprechen und für einen Rauchausstieg selbst motivieren? Suchtmediziner Dr. Alexander Rupp gibt Antworten.

Von Marco Mrusek

„Kaum ein Raucher sorgt sich nicht um seine Gesundheit“

In der Kommunikation mit dem Patienten über sein Rauchverhalten ist es ratsam, den Raucher nicht in die Enge zu drängen und ihn zu nichts zwingen zu wollen. © Picture-Factory / Fotolia

Drei bis fünf Minuten – dieser Zeitraum reicht für Hausärzte, um bei ihren rauchenden Patienten einen ersten Schritt Richtung Entwöhnung zu machen. Diese "Minimalintervention" legt der Pneumologe und Suchtmediziner Dr. Alexander Rupp aus Stuttgart Hausärzten ans Herz, die ihre Patienten beim Rauchausstieg unterstützen wollen.

Wie sieht eine Minimalintervention aus? "Es gibt die fünf As, die international empfohlen sind", antwortet Rupp. Das erste A steht dabei für "Ask" – den Patienten erst einmal zu seinem Rauchstatus befragen. Das nächste A steht für "Advice". "Das heißt, den ganz klaren, unmissverständlichen Ratschlag formulieren und am besten mit Befunden untermauern: ‚Sie sollten aus medizinischer Sicht aufhören, zu rauchen!‘

Und dann kommt ein Trick", erklärt Rupp, "denn wenn ich das so stehen lasse, bekomme ich sofort das Kontra des Patienten. Wenn ich für das Aufhören plädiere, erzeuge ich im Patienten eine Reaktanz." Der Patient antworte dann mit "Aber..." und führe Gründe an, warum es mit dem Aufhören gerade schwierig sei.

Hier komme das dritte A, "Assess Willingness", ins Spiel: "Der Trick ist dann, mit einer offenen Frage die Aufhörbereitschaft zu erfragen." Rupp fragt dann, was der Patient selbst über einen Rauchausstieg denke.

80 bis 90 Prozent wollen aufhören

Die meisten Patienten antworteten dann, dass sie an sich ja schon ganz gern aufhören würden. "80 bis 90 Prozent der Patienten wollen ja nicht weiter rauchen oder zumindest nicht in der Form, wie sie es bisher tun. Ich kenne kaum einen Raucher, der sich nicht um seine Gesundheit sorgt. Da trifft man mit dieser Frage auf ein offenes Ohr beim Patienten." Zwar würden die Patienten danach auf das "Aber..." zurückkommen. "Doch dann habe ich diese Diskrepanz schon aufgezogen. Und dann kann ich das Gespräch weiterspinnen."

Rupp geht dann zuerst auf die Gründe seines Patienten ein, die das Aufhören schwierig gestalten, und bietet dann einen Ausstieg an. "‘Ich verstehe, dass es aus diesen Gründen schwierig ist. Aber wenn ich Ihnen Hilfe anböte, wären Sie bereit, das mal auszuprobieren?‘

Und dann wird wieder der größte Teil der Patienten sagen: ‚Klar, kann ich mir vorstellen, wie funktioniert das denn mit der Hilfe?‘"

Hier kommt A Nummer vier ins Spiel, "Assist", Unterstützung anbieten. In diesem Moment sei es dann für den Hausarzt am geschicktesten, nicht nur einen Flyer eines Rauchentwöhners zu überreichen, sondern den Raucher direkt an den Experten weiterzumelden, sagt Rupp. "Fax to Quit" nennen die Entwöhner das.

Der Entwöhner stellt dann den Kontakt her – damit hängt dieser nicht mehr von der Überwindung des Rauchers ab.

Dem Raucher Freiheit lassen

Der fünfte und letzte Teil der Minimalintervention ist, einen Folgetermin zu vereinbaren – "Arrange Follow-Up". "Es sollte auf jeden Fall irgendein Marker gesetzt sein, dass das Thema beim nächsten Mal wieder angesprochen wird." Apropos sprechen: In der Kommunikation mit dem Patienten über sein Rauchverhalten rät der Suchtmediziner, den Raucher nicht in die Enge zu drängen und ihn zu nichts zwingen zu wollen.

"Man sollte immer die Entscheidungsfreiheit beim Raucher lassen. Denn je mehr ich die Entscheidungsfreiheit einenge, umso mehr Reaktanz löse ich aus, umso mehr wird der Raucher sagen: ‚Jetzt rauche ich erst recht!‘"

Stattdessen sollten Ärzte mehr zuhören, findet Rupp. "Raucher bringen uns ihre eigenen Argumente dar. Es ist nicht wichtig, was ich als Arzt möchte, sondern was der Patient möchte. Aber ich kann die Aufhörbereitschaft mit der richtigen Gesprächsführung fördern."

Dazu setzt Rupp die "motivierende Gesprächsführung" ein. Diese zeichnet sich durch Empathie, offenes Fragen, aktives Zuhören und dem Einsatz von Reflektionen aus. Dabei spiegelt Rupp dem Raucher seine ihm innewohnenden Argumente für eine Entwöhnung zurück.

So werden Rückfälle vermieden

Hat es der Patient erst einmal geschafft, von der Zigarette loszukommen, hat der Experte eine Handvoll Tipps parat, um einen Rückfall zu vermeiden. In seinem Buch "Rauchstopp", das Rupp zusammen mit seinem Kollegen Professor Michael Kreuter geschrieben hat, legt Rupp die "60-Sekunden-Regel" dar.

"Die besagt, dass, wenn ein Rauchimpuls auftritt und ich es schaffe, mich 60 Sekunden mit etwas Anderem zu beschäftigen, der Rauchimpuls in der Regel wieder verschwunden ist. Nur für den Moment, denn er kommt wieder – dann muss ich mir die nächste Beschäftigung suchen. Aber mit der Zeit nimmt die Zahl der Rauchimpulse am Tag ab. Und wenn ich mich jedes mal ablenke, statt zu rauchen, bin ich Nichtraucher."

Um sich für die 60 Sekunden vom Verlangen nach einer Zigarette abzulenken, empfiehlt Rupp, sich zu bewegen ("Bewegung macht uns glücklich und wirkt gegen eine Gewichtszunahme"), ein Glas Wasser trinken ("Eines der billigsten Entwöhnungsmittel") oder Obst und Gemüse zu essen ("Der Mund ist beschäftigt, es kommt ein Sättigungsgefühl, was im gleichen Zentrum im Hirn andockt wie das Nikotin auch").

Auch möglich ist es, eine Raucherdose zu basteln ("Man nimmt ein verschließbares Behältnis und füllt Asche und Stummel von vier, fünf Zigaretten hinein. Und wenn einen so richtig die Lust überkommt, öffnet man diese Dose und schnüffelt mal daran. Das funktioniert selbst bei hartgesottenen Rauchern").

Schritt für Schritt in ein rauchfreies Leben

Der Ratgeber "Rauchstopp" hilft Patienten, dauerhaft Nichtraucher zu werden. Mit diesem Buch sollen Raucher lernen, wie sie sich am besten auf den Rauchstopp vorbereiten und eigene Hindernisse vor dem Aufhören erkennen und minimieren.

Beide Autoren leiten seit Jahren Zentren für Tabakentwöhnung: Dr. Alexander Rupp in seiner Praxis für Raucherberatung und Tabakentwöhnung in Stuttgart und Professor Michael Kreuter an der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg.

Das Buch enthält zudem Arbeitsblätter sowie Audiodateien zur Entspannungs- und Atemübung zum Download.

Rupp, Alexander, Kreuter, Michael: Rauchstopp: Ihr erfolgreicher Weg zum Nichtraucher, Springer Verlag, 1. Aufl. 2017, IX, 133 S. 63 Abb. Mit Online-Extras; ISBN 978-3-662-54035-0, Softcover 19,99 Euro, eBook 14,99 Euro

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