Ärzte Zeitung online, 06.06.2017

Crystal Meth

S3-Leitlinie bietet Orientierung für Erstversorger und Experten

Der Konsum von Crystal Meth hat sich in Deutschland rasch verbreitet. Seit Kurzem gibt es eine Leitlinie zu Methamphetamin-bezogenen Störungen. Oft geht es nur um Schadensminimierung, denn nicht wenige Abhängige wollen den Konsum nicht beenden.

Von Thomas Meissner

S3-Leitlinie bietet Orientierung für Erstversorger und Experten

Crystal Meth: Bei chronischem Konsum drohen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Kaesler Media / Fotolia

Nicht nur in Ballungsgebieten und Großstädten, sondern vor allem auch in ländlichen Regionen und kleinen Städten ist Crystal Meth zu einer verbreiteten Droge geworden, besonders in Bundesländern, die an Tschechien, eines der Hauptherkunftsländer, grenzen. Evidenzbasierte Behandlungskonzepte gab es lange nicht. Ende 2016 hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gemeinsam mit der Bundesärztekammer und der Bundesregierung weltweit erstmals eine S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bei Methamphetamin- bezogenen Störungen herausgegeben.

Vielfach kann es nur um Schadensminimierung gehen. Denn bei Weitem nicht jeder Konsument möchte sich behandeln lassen, und medikamentös lässt sich bislang weder der Missbrauch noch das Craving reduzieren. Psychosoziale Interventionen und Verhaltenstherapien gelten, wenn es um das Erreichen einer Abstinenz geht, als nur mäßig effektiv. Etwa drei Wochen müssen für den Entzug eingeplant werden, für die stationäre Rehabilitation noch einmal 26 Wochen – das machen von den meist jungen Crystal-Meth-Konsumenten nur wenige mit, so etwa die Erfahrung von Dr. Katharina Schoett, Leiterin der Abteilung Suchtmedizin am Ökumenischen Hainich-Klinikum in Mühlhausen/Thüringen.

Wie lassen sich Konsumenten erkennen?

Typische Zeichen, die auf einen Konsum von Methamphetamin deuten, sind:

- schlechte Haut mit Hautexkoriationen,

- lückenhaftes Gebiss oder kariöse Zähne mit Zahnfleischschäden,

- trockene und blutende Nasenschleimhaut mit Anosmie.

- Manche Patienten sind kachektisch, haben, etwa bei Stürzen, Verletzungen davongetragen oder weisen abszedierende Einstichstellen auf.

Wichtig, so Schoett bei einem Suchtmedizinkongress in München, sei die Frage nach dem Konsummuster. Denn die Nutzungsfrequenz von Methamphetamin sei sehr verschieden und hänge eng mit der Symptomatik zusammen. So finden sich bei chronischen Konsumenten häufig Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck – selbst bei unter 30-Jährigen besteht bereits ein hohes Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko. Ein EKG gehört daher zur Routine. Empfohlene Erstuntersuchungen sind stets auch ein Röntgen Thorax und die zahnärztliche sowie eine gynäkologische Konsultation. Letzteres deshalb, weil unter Methamphetamin-Einfluss lang andauernder und teils enthemmter Sex ausgeübt wird, der in Verbindung mit ausgetrockneten Schleimhäuten und vermindertem Schmerzempfinden zu Verletzungen und Infektionen führt.

Die Autoren weisen außerdem auf die Gefahr von Fehldiagnosen hin: "Nicht selten schildern Konsumierende und deren Angehörige Symptome, die typische Intoxikations- oder Entzugssymptome sind, ordnen sie aber eigenständigen Erkrankungen zu." Dazu gehört etwa das hyperkinetische Entzugssyndrom. Das daraufhin selbstdiagnostizierte ADHS geht mit dem Behandlungswunsch mit Methylphenidat einher. Entzugsbedingte Anhedonie wird mit Depressionen verwechselt. Auch Persönlichkeitsstörungen, Angst- und Schlafstörungen sowie Psychosen können Methamphetamin-assoziiert auftreten.

Beratungstermin in 24 Stunden

Die Leitlinienautoren erwarten, dass "in allen medizinisch-therapeutischen Settings der Grund- und Erstversorgung" geeignete Drogenscreeningtests verfügbar sind und vorgenommen werden können. Bei positiven Schnelltests soll der Bestätigungstest möglichst aus derselben Probe erfolgen. Suchen die Betroffenen erstmalig aktiv um Hilfe im Suchthilfesystem, soll ihnen innerhalb von 24 Stunden ein Beratungstermin ermöglicht werden.

Nicht wenige Methamphetamin-Abhängige können oder wollen ihren Konsum nicht beenden. Ihnen werden geeignete Verhaltensweisen empfohlen, um den daraus resultierenden Schaden möglichst gering zu halten. So gilt die orale Aufnahme als risikoärmste Konsumform. Prinzipiell sollten nur eigenes Spritzbesteck, eigene Rauchgeräte oder Schnupfröhrchen verwendet werden, um Infektionen zu vermeiden. Von der Kombination mit anderen psychoaktiven Substanzen inklusive Alkohol ist abzuraten. Wird trotzdem kombiniert, sollten die Risikopotenziale unterschiedlicher Substanzkombinationen beachtet werden (www.drugscouts.de). Auf keinen Fall darf Methamphetamin gemeinsam mit Antidepressiva und MAO-Hemmern eingenommen werden, weil dann ein lebensgefährliches Serotonin-Syndrom auftreten kann.

Weitere Empfehlungen beziehen sich etwa auf die Ernährung. Der Mundtrockenheit kann mit täglich acht bis zehn Gläsern Wasser und zuckerfreien Kaugummi entgegengewirkt werden. Zum Schutz der Zahnhartsubstanz und um Kiefergelenks-Beschwerden vorzubeugen, werden Zahnschienen empfohlen.

Außer der neuen Leitlinie gibt es für Kliniker Handlungsempfehlungen des Novel Psychoactive Treatment UK Network (NEPTUNE), die der Verein SuPraT (Suchtfragen in Praxis und Theorie) auf seiner Homepage in deutscher Sprache zur Verfügung stellt (www.suprat.de).

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