Ärzte Zeitung online, 07.02.2018

Kokain

Drogenrausch verlief "herzzerreißend"

Dass Drogenkonsum tödlich enden kann, ist an sich nicht überraschend. Die konkrete Todesursache war es bei einem 25-jährigen Mann aber durchaus.

Von Dagmar Kraus

Drogenrausch verlief „herzzerreißend“

Kokain ist die eine gefährliche Droge fürs Herz. Folgen des Konsums: Akutes Koronarsyndrom, Myokardinfarkt, früher Tod.

© Driving South / Fotolia

BRESCIA. Die Medizinerin Adelaide Conti von der Universität in Brescia, Italien, und ihre Kollegen berichten über einen 25-jährigen Mann, der von seiner Frau bewusstlos im Badezimmer aufgefunden wurde (Am J Med 2018, online 8. Januar). Innerhalb weniger Minuten war der Notarzt vor Ort und begann mit der kardiopulmonalen Reanimation.

Der Patient wurde intubiert in die Notaufnahme des lokalen Krankenhauses eingeliefert. Doch trotz intensiver Reanimationsbemühungen konnte nach einer Stunde schließlich nur noch der Tod des jungen Mannes festgestellt werden. Die Angehörigen hatten zuvor angegeben, dass der Patient regelmäßig Kokain konsumiert und vor etwa zwei Tagen über Oberbauchbeschwerden geklagt habe.

Komplette Myokardruptur gefunden

Um zu klären, woran der junge Mann so unerwartet gestorben war, hatten die Ärzte eine Obduktion angeordnet. Neben einer sternalen Fraktur in Höhe des dritten Interkostalraumes, den die Ärzte auf die Reanimationsmaßnahmen zurückführten, fand sich eine massive kardiale Tamponade sowie eine etwa zwei Zentimeter lange komplette Myokardruptur im Bereich der freien linksventrikulären Wand.

 Außerdem fiel bei anatomisch regelrecht angelegten Koronararterien eine atherosklerotische Plaque im Ramus interventricularis anterior mit einer 20%igen Stenosierung auf.

Im Rahmen der histologischen Untersuchung waren neben kernlosen Myozyten und gewellten kollagenen Fasern auch zahlreiche neutrophile Granulozyten im interstitiellen Gewebe nachweisbar. Rund um die Rupturstelle imponierten zudem zerrissene Muskelfasern und extravasierte Erythrozyten.

Anhand der Befundkonstellation kommen Adelaide Conti und ihre Kollegen zu der Überzeugung, dass ein Myokardinfarkt mit anschließender Ruptur der linken Ventrikelwand zum plötzlichen Tod des jungen Mannes geführt haben muss, getriggert durch einen - vermutlich wiederholten - Kokainkonsum innerhalb der vorausgegangenen 48 Stunden.

Sowohl im Blut als auch im Urin des Mannes fanden sich hohe Konzentrationen des Aufputschmittels und seiner Metaboliten. Zum Zeitpunkt der Klinikeinweisung lag die Konzentration im peripheren Blut bei 1,575 μg/ml, im post mortem gewonnen Herzblut bei 1,528 μg/ml. Auch die Haaranalyse war positiv für Kokain (31,64 ng/ml) und Benzoylecgonin (5,07 ng/ml).

Pathomechanismus kann nur vermutet werden

Dass Kokain Herzrhythmusstörungen oder sogar Herzinfarkte bedingen kann, ist hinlänglich bekannt, wie die italienischen Ärzte ausführen, Myokardrupturen seien jedoch bislang noch nicht beschrieben worden.

Als Pathomechanismus vermuten die italienischen Ärzte, dass infolge des wiederholten Kokainkonsums des Patienten die Herzfrequenz und -kontraktilität sowie der Blutdruck rapide gestiegen und gleichzeitig aufgrund von Koronarspasmen die Blutversorgung des Myokards stark abgefallen sei, was schließlich zum Infarkt und infolge zur Myokardruptur geführt habe.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[07.02.2018, 11:04:59]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kokain ist nicht nur ein "Hauptstadtproblem"!
Nicht nur Berlin, sondern auch Hamburg, Bremen, Hannover, Düsseldorf, Köln, Leipzig, Frankfurt, Dresden, Stuttgart, München sind Umschlagsplätze für Kokain & Co. Eine Meldung aus 2015:
https://www.ksta.de/panorama/in-berliner-aldi-filialen-polizei-findet-386-kilo-kokain-in-bananenkisten-1695128
Aktuell aus 2018:
https://www.morgenpost.de/berlin/article105077544/Berliner-Polizei-beschlagnahmt-100-Kilo-Kokain.html

Kokain (Erythroxylon Coca):
- Kokain (rein)
- Kokainhydrochlorid (halbsynthetisch)
- Crack (synthetisch)
- Freebase
- Mischungen (+Heroin z.B.)

Kokain–Symptomatik allgemein:
Crack-Raucher - schwarzes Sputum, Thoraxschmerzen
Hautveränderungen - Kratzspuren („Coke bugs“)
Chronischer Konsum - dilatative Kardiomyopathie
Bei Herzinfarkt keine Lyse wegen erhöhter Hirnblutungsgefahr!
Mydriasis - erhöhter Sympathikotonus

Kokain macht ausgeprägte Herz-/Kreislaufsymptomatik! Erhöht Sympathikotonus; verringert die Inotropie; erhöht Thrombozyten-Aggregation. Mit den Folgen:
- Hypertonie
- Tachykardie
- Koronarspasmen
- Rhythmusstörungen
- Myokardischämie.
Modifiziert nach:
http://www.leipzig-kardiologie.de/veran/notfall/download/nft_10_Prof_Adam_Drogennotfall.pdf)

Zum Thema Kokain-Missbrauch gibt es bei der Berliner Berufsfeuerwehr im Rettungsdienst seit vielen Jahren einen verbindlichen Algorithmus, in jedem Einzelfall die Frage nach zurückliegendem Kokain-Konsum bei pectangiösen Beschwerden (AP) und V. a. akutes Koronarsyndrom (ACS) auch bei jungen Patienten unter 25 Jahren zu stellen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Frauen leben länger, Männer glücklicher

Frauen haben in allen europäischen Ländern eine deutlich höhere Lebenserwartung als Männer, die zusätzlichen Jahre bescheren ihnen jedoch selten Freude. mehr »

So gefährlich sind Krampfadern

Krampfadern sollten nicht nur als kosmetisches Problem angesehen werden. Auch wenn die Varizen keine Beschwerden verursachen, bergen sie gesundheitliche Gefahren. mehr »

Die Macht der Position

Sexismus im medizinischen Alltag: Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler bricht hier eine Lanze für die Männer. Diskriminierung kennt sie - geschlechtsunabhängig - eher durch einen anderen Faktor. mehr »