Ärzte Zeitung, 02.07.2018

Vergleichsstudie

Suchttherapie besser online als persönlich?

Weniger Therapieabbrüche, längere Wirksamkeit: Therapiewilligen Suchtkranken scheint eine Online-Verhaltenstherapie mehr zu nützen als eine persönliche Behandlung.

Von Thomas Müller

Suchttherapie besser online als persönlich?

Eine onlinebasierte Therapie überfordert Suchtkranke möglicherweise nicht so sehr wie eine persönliche Psychotherapie.

© VRD / stock.adobe.com

NEW HAVEN. Ist der Computer der bessere Therapeut? Wohl kaum, aber bestimmte Patientengruppen tun sich offenbar leichter mit einem strukturierten Programm als mit dem Gang zum Psychotherapeuten. Nach den Resultaten einer US-Studie drängt sich diese Schlussfolgerung bei Suchtkranken auf, die von ihrer Sucht loskommen wollen und deswegen ärztliche Hilfe suchen: Sie brechen eine Online-Therapie wesentlich seltener ab als eine persönliche Psychotherapie, auch scheint die Wirkung der Online-Therapie länger anzuhalten.

Kostenträger werden das gerne hören, schließlich sind Therapieversuche jeglicher Art bei Suchtkranken von eher geringem Erfolg gekrönt, hier könnte also schnell der Wunsch aufkommen, dann doch die kostengünstigere Online-Therapie zu präferieren. Daher lohnt sich ein genauer Blick auf die Untersuchung, die Dr. Brian Kiluk und Mitarbeiter von der Yale-Universität in New Haven nun veröffentlicht haben (Am J Psych 2018; online 24. Mai).

Viele Marihuanakonsumenten

Das Team hatte in der Vergangenheit bereits eine computerbasierte kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als Ergänzung zur persönlichen KVT geprüft – vor allem, um den Therapieeffekt zwischen und nach den persönlichen Gesprächen mit dem Therapeuten aufrechtzuerhalten. In der aktuellen Studien haben sie jedoch die Online-KVT als alleinige Therapie einer therapeutenbasierten KVT gegenübergestellt und mit einer dritten Gruppe ohne KVT (treatment as usual) verglichen. Teilnehmer waren Patienten mit stoffgebundenen Süchten, die in der Suchtbehandlungsstelle der Universität nach Hilfe suchten. Das Team um Kiluk legte Wert auf eine möglichst repräsentative Patientengruppe, ausgeschlossen wurden nur Betroffene, die dringender eine andere Behandlung benötigten, also etwa unbehandelte Personen mit Psychosen oder mit Suizidabsichten.

Von 191 überprüften Suchtkranken nahmen die Forscher 137 in die Studie auf. Drei Viertel waren Männer, die Hälfte konsumierte primär Marihuana, rund 30 Prozent Kokain und etwa 20 Prozent hatten in erster Linie ein Alkoholproblem, etwas mehr als ein Drittel konsumierte ungesunde Mengen Alkohol zusammen mit anderen Drogen.

Ein großer Teil war in der Vergangenheit mit dem Gesetz in Konflikt gekommen: Im Schnitt notierten die Forscher um Kiluk acht Verhaftungen pro Person; diese hatten die Teilnehmer in der Summe zwei Jahre hinter Gitter geführt. Zudem war der alters- und bildungsadjustierte IQ mit 84 Punkten unterdurchschnittlich.

Allen Teilnehmern boten die Ärzte bei Bedarf eine psychiatrische und pharmakologische Intervention sowie einen Notfallservice an. 49 von ihnen wählten sie nach dem Zufallsprinzip für eine persönliche KVT aus: Ihnen boten sie eine Therapiestunde pro Woche über zwölf Monate hinweg an, behandelt wurde nach einem Standardmanual.

38 erhielten die computerbasierte KVT mit der Bezeichnung CBT4CBT (Computer-Based Training for Cognitive Behavioral Therapy). Das Programm wurde speziell für Suchtkranke entwickelt. Betroffene lernen damit, Suchtmuster zu erkennen, mit dem Craving umzugehen und Vermeidungsstrategien anzuwenden (mehr unter www. cbt4cbt.com). In der Studie wurden die Teilnehmer gebeten, wöchentlich einen Teil der sieben Module zu bewältigen. Alle Teilnehmer dieser Gruppe unterzogen sich zudem einem wöchentlichen, etwa zehn Minuten dauernden Gespräch, in dem es um ihre Adhärenz und den Gesundheitszustand ging.

Der Kontrollgruppe mit Standardbehandlung wiesen die Ärzte 50 Patienten zu. Diese Teilnehmer wurden zu wöchentlichen Gruppen- oder Einzelsitzungen eingeladen, in denen es um die Rückfallprävention ging, um allgemeine Gesundheitsthemen oder um Möglichkeiten, suchtbedingte Schäden einzugrenzen.

Die Forscher um Kiluk baten die Teilnehmer im Anschluss an die zwölfwöchige Behandlung für sechs weitere Monate regelmäßig zu einem strukturierten Interview. Wer erschien, erhielt eine finanzielle Kompensation. Wer sich an das Studienprotokoll hielt, konnte bis zu 285 Dollar verdienen. Der Suchtmittelgebrauch während der Studie wurde sowohl per Fragenbogen als auch über Urinproben erfasst.

Wie sich zeigte, war die Adhärenz in der Gruppe mit persönlicher KVT am geringsten: Die Beteiligten nahmen hier im Schnitt nur vier Sitzungen wahr, dagegen absolvierten die Teilnehmer mit Online-KVT knapp sieben wöchentliche Computersitzungen. Umgerechnet auf Tage in Therapie ergibt sich daraus eine Adhärenz von 74 Prozent in der Gruppe mit Online-KVT, von 51 Prozent in der therapeutenbasierten KVT und von 67 Prozent in der Kontrollgruppe. Der Unterschied zwischen den beiden KVT-Gruppen war signifikant.

Beim primären Endpunkt, dem wöchentlichen Drogenkonsum, schnitten die Teilnehmer in beiden KVT-Gruppen wie erwartet deutlich besser ab als in der Kontrollgruppe. Patienten mit persönlicher KVT hatten zu Beginn rund 3,8-mal pro Woche Drogen konsumiert, drei Monate später noch 2,1-mal (minus 1,7). Mit der onlinebasierten KVT ging der Konsum im selben Zeitraum von 3,7-mal pro Woche auf 1,7-mal zurück (minus 2,0), in der Kontrollgruppe lediglich von 3,3- auf 2,5-mal (minus 0,8).

Wurden nur die Urinproben gewertet, so waren sie in der Online-KVT-Gruppe in den letzten beiden Therapiewochen fast doppelt so oft komplett negativ wie in der Gruppe mit persönlicher KVT und der Kontrollgruppe (34 versus je 18 Prozent).

Nachhaltiger Effekt mit Online-KVT

Interessant ist auch, was in der Nachbeobachtungszeit geschah: In diesen sechs Monaten blieb der Drogenkonsum in der Gruppe mit Online-KVT und Standardbehandlung weitgehend konstant, stieg aber bei den Patienten mit persönlicher KVT wieder deutlich an und lag schließlich sogar über dem Drogenkonsum in der Kontrollgruppe. Einen nachhaltigen Effekt hatte in dieser Studie also nur die Online-KVT. Ein halbes Jahr nach dem Therapieende konsumierten die Teilnehmer in dieser Gruppe deutlich weniger Drogen als solche mit persönlicher KVT oder Standardbehandlung.

Zudem zeigten sich 82 Prozent der Patienten mit Online-KVT sehr zufrieden mit der Behandlung, 64 Prozent waren es mit persönlicher KVT und 60 Prozent mit der Standardbehandlung.

Auch wenn die Nichtunterlegenheit der Online-KVT nicht explizit gegen die persönliche KVT getestet wurde, so sehen die Forscher um Kiluk in fast allen untersuchten Punkten Vorteile des Online-Verfahrens. Eine mögliche Erklärung: Vielleicht waren die Teilnehmer mit der persönlichen KVT schlicht überfordert von den wöchentlichen Sitzungen. Zudem wurde etwas mehr als einem Drittel von ihnen die KVT von den Justizbehörden auferlegt. Möglicherweise hatten viele dieser nicht ganz freiwillig Hilfe suchenden Suchtkranken Vorbehalte gegenüber einer klassischen Psychotherapie. Dies könnte das Ergebnis verzerrt haben und macht ein Dilemma randomisierter Studien deutlich: Wer keine persönliche Psychotherapie will, bei dem wird sie wohl auch nicht funktionieren, wenn er sie trotzdem bekommt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Onlinetherapie als Chance

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

"Telemedizin ist für uns Landärzte die Zukunft"

Geringes Honorar, hoher Aufwand und auf bestimmte Diagnosen begrenzt – trotzdem setzen einige Ärzte auf die Videosprechstunde. Und das aus vielerlei Gründen. mehr »

Kein Darmkrebs-Screening ab 45 Jahren

Der GBA lehnt die Senkung der Altersgrenzen beim Darmkrebs-Screening ab. Dagegen soll das organisierte Einladungsverfahren zur Früherkennung ab Juli 2019 starten. mehr »

Was 100-Jährige von anderen unterscheidet

100-Jährige sind oft weniger krank als die Jüngeren. Worauf es ankommt, haben Forscher anhand von Daten von AOK-Versicherten herausgefunden. mehr »