Ärzte Zeitung online, 08.09.2019

Alkohol in der Schwangerschaft

Fetale Störungen durch Alkohol – die unterschätzte Gefahr

Vielen Schwangeren ist nicht bewusst, wie schwer sie ihr Kind durch Alkoholkonsum schädigen können. Zum „Tag des alkoholgeschädigten Kindes“ am 9. September fordern Fachgesellschaften daher mehr Prävention. Zu Recht.

Von Wolfgang Geissel

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Warnhinweise auf Alkoholika für Schwangere werden leicht übersehen. Während der Schwangerschaft sind daher auch Ärzte in der Aufklärung gefragt. Amelie / Stock.Adobe.com

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Probleme mit Alkohol werden in Deutschland meistens unter der Decke gehalten oder verharmlost. Das gilt in besonderem Maße für Alkohol in der Schwangerschaft. Seit vielen Jahren wird dabei hingenommen, dass jedes Jahr über zweitausend Kinder mit schweren geistigen Behinderungen durch das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) geboren werden und viele weitere mit etwas weniger ausgeprägten Gesundheitsstörungen durch Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD). Eine Heilung gibt es nicht, wenn man davon absieht, dass sich zum Beispiel Sprachstörungen durch gezielte Förderung verbessern lassen. Die Krankheitsbilder lassen sich aber durch Abstinenz in der Schwangerschaft vollständig vermeiden.

Am 9. September, dem „Tag des alkoholgeschädigten Kindes“, wird weltweit über die Probleme informiert. In Deutschland setzt sich dafür unter anderen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) ein. Die Kernbotschaft für Schwangere und ihr Umfeld ist dabei: Alkoholkonsum ist für Feten viel gefährlicher als Rauchen!

„Das Zellgift Alkohol kann bereits in kleinen Mengen die wachsenden Organe und insbesondere das Nervensystem schädigen“, betont dabei BZgA-Chefin Dr. Heidrun Thaiss in einer Mitteilung ihrer Institution zum Aktionstag. Alkohol in der Schwangerschaft ist dabei die häufigste nicht-genetische Ursache für frühkindliche Fehlbildungen. Eine unbedenkliche Menge es Konsums gibt es nicht.

Der Grad der Schäden hängt von der Menge des Konsums ab und reicht von leichten neurologischen Anomalien wie Verhaltensauffälligkeiten oder verminderter Intelligenz bis hin zu schweren geistigen und körperlichen Behinderungen. Konkret können dabei Wachstumsstörungen, Herzfehler, Sprachstörungen, Hyperaktivität, Konzentrationsbeschwerden und eine verstärkten Aggressivität ausgelöst werden.

„FASD-Kinder sind häufig vergleichbar mit Demenzkranken. Sie können sich Erlerntes einfach nicht merken oder vergessen es immer wieder aufs Neue“, sagt die Suchtexpertin Marianne Ammann in einer Mitteilung der Fachhochschule Münster dazu. Die Psychologin und Psychotherapeutin bietet dort Fortbildungen zur FASD-Fachkraft an.

Ein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen

Die Zahl der Betroffenen sei bei uns bisher unterschätzt worden, betonen zudem Wissenschaftler um Professor Ludwig Kraus vom IFT Institut für Therapieforschung in München (BMC Medicine 2019; online 19. März). Nach ihren Berechnungen – die unter anderen auf Daten zum Alkoholkonsum von Schwangeren in Deutschland und Raten von FAS und FASD in anderen Ländern basieren – gab es bei uns im Jahr 2014 etwa 12.600 Neugeborene mit FASD und darunter etwa 2900 mit einem ausgeprägten Fetalen Alkoholsyndrom (FAS).

FAS und FASD sind zudem nicht die einzigen negativen Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft, geben Kraus und seine Kollegen zu bedenken: Tot-, Fehl- und Frühgeburten kommen hinzu, ebenso intrauterine Wachstumsverzögerung und niedriges Geburtsgewicht.

Die meisten Kinder mit FAS sind wegen ihrer schweren Behinderung ein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen. Bei FASD bleiben viele Betroffene zudem ohne Diagnose. Die vielfältigen körperlichen, kognitiven und sozialen Einschränkungen werden in der Regel oft erst im Schulalter entdeckt und daher meist nicht mit Alkohol in der Schwangerschaft in Zusammenhang gebracht. Betroffene bleiben vielfach ohne gezielte Therapie.

Ruf nach mehr Prävention

Allerdings wurden inzwischen viele Ärzte für FASD sensibilisiert. Seit 2012 gibt es zur Diagnostik die S3-Leitlinie Fetale Alkoholspektrumstörungen. Die Organisation „FASD Deutschland e.V.“ – ein Zusammenschluss von Eltern, Bezugspersonen wie Erzieher und Lehrer sowie Medizinern und Psychologen – beklagt jedoch vor allem eine mangelhafte Versorgung von betroffenen Erwachsenen. Viele lebten heute ohne Diagnose, würden nicht angemessen behandelt und befänden sich in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, Justizvollzugsanstalten oder in der Obdachlosigkeit.

Organisationen und Fachgesellschaften fordern daher unbedingt mehr Prävention. Das Mindeste sind dabei deutlich sichtbare Warnhinweise auf alkoholischen Getränken. Dabei sollte unmissverständlich auf das Problem hingewiesen werden, so die Organisation „FASD Deutschland e.V.“. Gefordert werden dabei ähnliche Warnhinweise wie es sie bereits auf Zigarettenschachteln gibt.

Das Piktogramm der durchgestrichenen Schwangeren, das auf freiwilliger Basis von der Alkoholindustrie auf Etiketten gedruckt wird, sei dabei kaum wahrzunehmen und in seiner Bedeutung nicht eindeutig. Um die Warnhinweise durchzusetzen, hat „FASD Deutschland“ im vergangenen Jahr eine Petition im Internet gestartet, die an den Deutschen Bundestag gerichtet war. Leider hat die Initiative dabei nicht die nötige Unterstützung erfahren.

Die Organisation fordert zudem mehr Maßnahmen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit etwa durch Informationskampagnen oder die Behandlung des Themas in der Schule. Besonders auch Ärzte sind gefragt, sich hier in die Diskussion einzumischen. Material dazu bietet die BZgA an. Die Bundeszentrale rät werdenden Mütter, denen es schwerfällt, auf Alkohol zu verzichten, zudem zu den Hilfen des anonymen Internetportals IRIS (www.iris-plattform.de) mit Informationen und Tipps zum Konsumstopp.

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