Ärzte Zeitung, 15.02.2008

Kann Placeboeffekt Sportlern den Schmerz nehmen?

Versuche mit Scheinmedikamenten beim Hanteltraining

FRANKFURT AM MAIN (Smi). Hochleistungssportler greifen, um ihre Schmerzen zu unterdrücken, nicht selten zu Analgetika. Opiate stehen jedoch seit vielen Jahren auf der Liste der im Wettkampfsport verbotenen Präparate. In der klinischen Medizin entfalten Placebos bei Schmerzpatienten mitunter dieselbe Wirkung wie Analgetika. Ließe sich dieser Effekt auch für den Sport nutzen?

 Kann Placeboeffekt Sportlern den Schmerz nehmeen?

Hanteltraining mit Trainerkontrolle in einem Fitness-Studio in Berlin.

Foto: Stephanie Pilick dpa/lbn

Das haben Wissenschaftler der Universität von Turin geprüft. Untersucht wurden 40 Freizeitsportler im Alter zwischen 25 und 40 Jahren, die in vier Teams gegeneinander antraten. Ihre Aufgabe: Unter Schmerzen sollten sie so lang wie möglich Hanteln drücken. Dazu wurde die Durchblutung ihres Oberarms gestaut.

In einer dreiwöchigen Vorbereitungsphase erhielten zwei der vier Teams Morphin-Injektionen, die anderen keine Medikamente. Am Tag des simulierten Wettkampfs blieb die eine Gruppe wie schon zuvor ohne jegliche Unterstützung. Die Athleten der drei anderen Gruppen erhielten dagegen je eine Injektion, bei der es sich, so wurde den Probanden suggeriert, um Morphin handelte. Tatsächlich verabreichten die Wissenschaftler jedoch Teilnehmern von zwei Gruppen eine Kochsalzlösung (Morphin und Medikamenten-frei), Sportlern der zweiten Morphin-Gruppe Naloxon, einen Opioidantagonisten.

Die Ergebnisse: Jene Gruppe, die mit Morphin trainiert, im Wettkampf aber bloß ein Placebo erhalten hatte, konnte die Belastungsgrenze um sechs Minuten herausschieben. Aber auch jene Gruppe, die im Training morphinfrei geblieben war und im Wettkampf ein Placebo gespritzt bekam, steigerte ihre Schmerztoleranz um durchschnittlich zwei Minuten. Die Gruppe mit dem Opioidantagonisten erzielte dagegen in etwa das Ergebnis, das auch die Gruppe ohne jegliche Unterstützung während der Trainings- und der Wettkampfphase erreichte ("The Journal of Neuroscience" 27, 2007, 11934).

Die Wissenschaftler stellten am Ende ihrer Studie die Frage, ob eine placebobedingte Leistungssteigerung aus ethischer Sicht vertretbar ist oder ob sie einen Dopingverstoß darstellt. Das müsse weiter diskutiert werden.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So teilt sich die Arbeitszeit von Ärzten auf

Wie viel Zeit bringen Ärzte für GKV-Patienten auf, wie viel für Bürokratie? Wie sind die Unterschiede in Stadt- und Landpraxen und den Fachbereichen? Wir geben Antworten. mehr »

Sepsis – "häufigste vermeidbare Todesursache im Land"

Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis. Viele dieser Todesfälle wären vermeidbar. Ärzte, Patientenschützer und Politiker fordern jetzt: Die Blutvergiftung muss als Notfall akzeptiert werden. mehr »

"Hacker kommen wie durch eine offene Tür in Arzt-Systeme"

Nehmen niedergelassene Ärzte Gefahren durch Cyber-Angriffe ernst genug? Sie selbst glauben das mehrheitlich. Ein Sicherheitsexperte gießt Wasser in den Wein. mehr »