Ärzte Zeitung, 30.05.2014

Versorgung mit Defiziten

Gravierende Lücken bei der Schmerzmedizin

Zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen, jeder Fünfte kämpft zwanzig Jahre und länger gegen den Schmerz an. Der Ärztetag sieht Handlungsbedarf.

Von Christoph Fuhr

schmerztherapie-AH.jpg

Adäquate Schmerztherapie? Der Ärztetag sieht etliche Probleme.

© Darren Mower / iStock

DÜSSELDORF. "Patienten erwarten, dass sie in der Klinik Schmerzen erleiden, wir Ärzte sorgen dafür, dass sie nicht enttäuscht werden". Professor Wolfgang Koppert von der MH Hannover hat diesen Satz bei der Diskussion zur Schmerztherapie beim Ärztetag zitiert, wer genau ihn so formuliert habe, wisse er nicht, sagte Koppert. Gleichwohl weist er darauf hin, dass es gravierende Defizite bei der Akutschmerztherapie in Klinken gibt.

Die Delegierten waren sich einig: Es hänge derzeit vom Engagement einzelner Ärzte, Pflegekräfte und verantwortungsbewusster Klinikträger ab, die notwendigen schmerzmedizinischen Strukturen zu schaffen und zu unterhalten. Hier bestehe dringend Handlungsbedarf.

Probleme in der schmerzmedizinischen Versorgung gibt es aber längst nicht nur in Kliniken. Immer noch gibt es reichlich Hinweise aus Forschung und Praxis, dass viele Menschen auch im ambulanten Bereich von schmerztherapeutischen Angeboten gar nicht erst erreicht werden.

Der Forderungskatalog der Delegierten: Um Schmerzmedizin zu stärken, ist ein niedrigschwelliger, vom Hausarzt koordinierter Zugang zu allen schmerzmedizinischen Versorgungsebenen nötig. Zwingend erforderlich ist eine strukturierte Patientenführung mit enger ambulant-stationärer Verzahnung.

Dazu werden der Aufbau von flächendeckenden regionalen Netzwerken und integrierten Versorgungsprogrammen gefordert. Und schließlich müssen schmerztherapeutische Einrichtungen auch in der vertragsärztlichen Bedarfsplanung berücksichtigt werden.

Schmerzmedizinische Kompetenz muss in der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung gestärkt werden, fordert der Ärzetag weiter. Dabei gibt es durchaus positive Entwicklungen: Verfügten 2005 bundesweit 3181 Ärzte über die Zusatzweiterbildung Spezielle Schmerztherapie, hatten sich 2012 bereits 4686 Ärzte entsprechend qualifiziert.

Die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer Dr. Martina Wenker ließ keinen Zweifel, dass hier auch in Zukunft Hausaufgaben zu machen sind: "Jeder klinisch tätige Arzt muss mit den schmerzmedizinischen Problemen seiner Patienten vertraut sein. Das ist eine ärztliche Verpflichtung", sagte sie.

Kooperationsbereitschaft ist bei der Schmerztherapie gefragt, und da muss allerdings auch die Vergütung stimmen, stellte Professor Martin Scherer, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, klar. "Wenn das Wartezimmer endlich leer ist, dann soll ich bei den Kollegen anrufen - und das auf eigene Rechnung? Das kann es natürlich nicht sein!"

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Epileptiker haben hohe Überdosisgefahr

Die Gefahr, an einer Medikamentenüberdosis zu sterben, ist bei Epilepsiekranken fünffach erhöht, so eine Studie. Doch es ist anders, als auf den ersten Blick gedacht: Schuld sind meist nicht die Antikonvulsiva. mehr »

Zehntausende Arztpraxen nicht ohne Barrieren zu erreichen

Nur ein Drittel der Arztpraxen in Deutschland gelten – auch nur zum Teil – als barrierefrei. Das schränke die freie Arztwahl körperlich beeinträchtigter Menschen ein, moniert die Linke-Sozialexpertin Sabine Zimmermann. mehr »

Nichtstun ist gefährlich für Patientendaten

Nur noch wenige Tage, dann tritt die EU-Datenschutzgrundverordnung in Kraft. Grund genug auch für Ärzte, sich die Prozesse der Datenverarbeitung anzuschauen und auf Sicherheit abzuklopfen. mehr »