Ärzte Zeitung, 24.09.2015

Cannabis bei Rheuma?

Experten warnen vor Selbstmedikation

MANNHEIM. Obwohl über den therapeutischen Nutzen von Cannabisprodukten derzeit viel diskutiert wird, fehlen für die Behandlung chronischer Schmerzen bei Rheuma-Erkrankungen mit künstlich hergestellten Cannabisprodukten aussagekräftige Studien, teilt die Deutsche Schmerzgesellschaft (DGSS) mit. Cannabis bei Rheuma wird auch Thema beim Deutschen Schmerzkongress (14. bis 17. Oktober) in Mannheim sein.

Um herauszubekommen, bei welchen rheumatischen Erkrankungen, die mit chronischen Schmerzen einhergehen, Cannabisprodukte wirken und ob sie verträglich und sicher sind, hat Privatdozent Dr. Winfried Häuser, Klinik Innere Medizin I,Klinikum Saarbrücken, zusammen mit Forschern aus Deutschland - aber auch Kanada und Israel - die Literatur systematisch durchgesehen.

Spärliche Datenlage

Bei der Sichtung von randomisiert doppelblinden Studien (RCT) stellten die Forscher schnell fest, dass die Datenlage bei der medikamentösen Therapie von Rheumaerkrankungen mit Cannabisprodukten spärlich ist, heißt es in der Mitteilung.

Zwei RCTs mit Nabilon über die Dauer von zwei beziehungsweise sechs Wochen mit 71 Patienten mit Fibromyalgiesyndrom, eine vier-wöchige Studie mit Nabilon und 30 Rückenschmerzpatienten und eine fünf-wöchige Studie mit Tetrahydrocannbinol/Cannabidiol mit 58 Patienten mit rheumatoider Arthritis wurden eingeschlossen.

Die Studien zeigten keine bessere Wirksamkeit der untersuchten synthetischen Cannabisprodukte gegenüber Kontrollsubstanzen (Placebo bzw. schmerzlinderndes Antidepressivum). Die Patienten berichteten, die Cannabisprodukte trotz einiger unangenehmer Nebenwirkungen wie Konzentrationsstörungen, Sedierungen oder Müdigkeit gut vertragen zu haben.

Regierung soll Gesetz erlassen

"Wir können wegen der schwachen Datenlage derzeit nicht empfehlen, Rheumapatienten mit Cannabisprodukten zu behandeln", wird Häuser in der Mitteilung zitiert. "Das schließt aber nicht aus, dass Ärzte Patienten, die wir als austherapiert bezeichnen, mit Cannabinoiden behandeln."

Die Experten der DGSS plädieren dafür, dass die Bundesregierung ein Gesetz zum medizinischen Gebrauch von Cannabisprodukten erlässt und dann die Verordnungen langfristig über die Krankenkassen abgerechnet werden können.

Professor Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, fasst die Position zusammen: "Wir wollen Schmerzpatienten nicht die Therapie mit Cannabinoiden vorenthalten. Aber gebraucht werden mehr Studien und mehr Medikamentenzulassungen."

Jede Form einer Eigentherapie lehnt der Experte ab. "Patienten, die sich mit dem sogenannten Medizinalhanf oder Cannabis aus Eigenanbau selbst behandeln, fügen ihrem Körper ein in seiner Dosis permanent schwankendes Medikament zu und riskieren belastende Nebenwirkungen." (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Verändern schon wenige Joints das Gehirn?

Bei Jugendlichen, die nur ein bis zwei Mal Cannabis geraucht haben, sind Hirnveränderungen entdeckt worden. Diese könnten eine Angststörung oder Sucht begünstigen. mehr »

Bessere TSVG-Regelungen in Sicht?

Die großen Brocken wie die Aufstockung der Mindestsprechstundenzahl will Gesundheitsminister Jens Spahn nicht anfassen. Eine Nummer kleiner können die Ärzte aber wohl mit Änderungen am TSVG rechnen. mehr »

Daran starb Karl der Große

Karl der Große führte Kriege quer über den Kontinent. Sein großes Reich erstreckte sich von der Elbe bis Spanien. Am Ende könnte eine Lungenentzündung den mächtigsten Mann des Mittelalters niedergestreckt haben, mehr »