Ärzte Zeitung, 15.05.2019

Tumorschmerz

So behandeln Sie richtig „bei Bedarf“

Zur Basismedikation gehört stets eine ausreichende Bedarfsmedikation. Ein Belastungsschmerz ist allerdings etwas völlig anderes als ein Durchbruchschmerz oder ein End-of-Dose-Schmerz.

Nur etwa drei bis fünf Prozent aller Tumorschmerzpatienten leiden unter Durchbruchschmerzen, sagt Norbert Schürmann, Leiter der Abteilung für Schmerz- und Palliativmedizin am St. Josef Krankenhaus in Moers. Wenn Opioid-behandelte Tumorschmerzpatienten mit ihrer Medikation nicht zurechtkommen, weil sie weiter unter Schmerzen leiden, ist daher zu klären, ob es sich um Durchbruch- oder etwa um End-of-Dose-Schmerzen handelt.

Immer um die gleiche Uhrzeit

„Typisch für einen End-of-Dose-Schmerz ist, dass er immer um die gleiche Uhrzeit auftritt und dass sich der Schmerz langsam entwickelt“, sagt Schürmann. „Verspürt der Patient nach der nächsten Dosis wieder Besserung, ist das ein klarer Beleg.“

Durchbruchschmerzen sind dagegen heftige, unvermittelt und ohne äußeren Anlass auftretende Schmerzattacken, die maximal 30 bis 60 Minuten anhalten und dann wieder verschwinden.

Dieser Unterschied hat verschiedene therapeutische Vorgehensweisen zur Folge: Bei End-of-dose-Schmerzen wird die Basismedikation angepasst. Gleiches gilt, wenn die Bedarfsmedikation ausgereizt ist – üblicherweise bis zu sechs Dosen pro Tag mit einem Sechstel der Tagesgesamtdosis, maximal sechsmal täglich.

Wichtig ist, dem Patienten zu vermitteln, dass die Bedarfsdosis mindestens eine halbe Stunde vor körperlichen Belastungen – so weit dies planbar ist –, eingenommen werden sollte, damit die Wirkung auch ausreichend ist.

„Mit Ausnahme von Buprenorphin dürfen alle Opioide miteinander kombiniert werden, weil das alles μ-Rezeptor-Antagonisten sind“, berichtet Schürmann. Patienten mit Buprenorphin-Schmerzpflaster müssen daher auch nichtretardiertes Buprenorphin als Bedarfsmedikation erhalten. Ansonsten gelingt gerade bei älteren Patienten mit Morphin-Tropfen die Eintritation und Bedarfsmedikation gut. Bei Niereninsuffizienz ist Morphin wegen der Kumulationsgefahr dagegen ungeeignet.

Keine Angst vor Apnoe!

Durchbruchschmerzen erfordern eine sehr rasch einsetzende Wirkung: Fentanyl-Nasenspray wirkt innerhalb von zwei bis fünf Minuten. Schürmann: „Wenn der Patient 50 bis 100 μg Fentanyl-Nasenspray nimmt und er verspürt nach fünf bis zehn Minuten keine oder wenig Wirkung, darf er die gleiche Menge noch einmal nehmen.“

Muss man als Behandler bei Patienten einen akuten Tumorschmerz intravenös mit Morphin lindern, braucht man keine Angst vor einer Apnoe zu haben, wenn die Dosis langsam gespritzt bei einem Schmerzniveau von 3 bis 5 auf der 11-stufigen Skala beendet wird.

„Solange der Patient Schmerzen hat, wird er nicht apnoisch“, erklärt Anästhesist und Allgemeinmediziner Schürmann. (ner)

Lesen Sie dazu auch das Interview:
Bei Tumorschmerzen auch Opioid-Erfahrung abfragen!

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Notfallsanitäter sollen spritzen dürfen

Invasive, lebensrettende Maßnahmen sollen künftig auch Notfallsanitäter durchführen dürfen, planen die Bundesländer. Ärztliche Verbände sind erbost. mehr »

Vom Zauber der Berührung

Das Stiefkind der Sinnesforschung: Obwohl der Tastsinn unser wichtigster Sinn ist, erforschen ihn nur wenige Forscher. Ein Einblick, wie Ärzte beispielsweise mit dem Taucheranzug Anorexie angehen. mehr »

Spahns Kassenreform im Vorstände-Check

Mit dem „Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz“ will Minister Spahn einen gerechteren Wettbewerb unter den Kassen anfachen. Wir haben vier Kassenvorstände befragt, was sie vom Gesetzentwurf halten. mehr »