Ärzte Zeitung, 06.05.2004
 

Kampf gegen Kopfschmerzen und Vorurteile

Auch wenn das Wissen über Migräne zunimmt, fühlen sich viele betroffene Patienten oft nicht ernst genommen

KÖLN. Migräne-Patienten sind es gewohnt, an mehreren Fronten zu kämpfen: Ihre Krankheit ist mit starken Schmerzen verbunden und beeinträchtigt ihr tägliches Leben oft sehr stark. Gleichzeitig wird die Krankheit in der Öffentlichkeit nicht ernst genommen, die Betroffenen haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.

Prominentes Migräneopfer: Katja Flint mit Klinikleiter Dr. Jan Brand und Nicolai Karheiding von der MigräneLiga (v.l.) Foto: iss

Von Ilse Schlingensiepen

"Es kam früher vor, daß ich der Einfachheit halber gesagt habe, ich hätte eine Magen-Darm-Grippe, wenn ich eine Verabredung absagen mußte", berichtet die Schauspielerin Katja Flint, die seit ihrer Kindheit unter Migräne-Anfällen leidet. Gemeinsam mit der MigräneLiga setzt sie sich dafür ein, daß die Öffentlichkeit besser über Migräne und ihre Therapiemöglichkeiten informiert wird. Gleichzeitig hofft sie, daß sich so Vorurteile über die weit verbreitete Krankheit aus dem Weg räumen lassen.

Nach Angaben der MigräneLiga leiden in Deutschland rund zehn Millionen Menschen unter der Erkrankung. "Migräne ist eine Krankheit, der sich die Betroffenen oft schämen", weiß der Vorsitzende der Organisation Nicolai Karheiding. Viel zu oft seien Sprüche wie "sie nimmt sich eine Migräne" zu hören. Eine Folge des falschen Bildes der Erkrankung in der Gesellschaft: "Viele trauen sich gar nicht, damit zum Arzt zu gehen", sagt Karheiding.

"Nur 30 Prozent der Patienten sind mit ihrer Migräne dauerhaft in ärztlicher Behandlung, das ist eine alarmierende Zahl", beklagt der Mediziner Dr. Jan Brand, Leiter der einzigen deutschen Migräneklinik in Königstein. Dabei gehe es um eine ernst zu nehmende neurologische Erkrankung. Oft dauere es aber viel zu lange, bis Patienten die richtige Therapie erhalten.

Das kann Katja Flint bestätigen. "Es gibt eine wunderbare Therapie, es sagt einem aber keiner, wie man Hilfe bekommt und wo." Sie selbst habe sich jahrelang mit der Migräne herumgequält, bis sie endlich einen "fähigen Neurologen" gefunden habe, der ihr die richtigen Medikamente verschrieb.

Die Zahl ihrer Migräneanfälle hat sich seitdem halbiert. Mit der Wirkstoffklasse der Triptane gebe es heute hochwirksame Möglichkeiten der Schmerzbekämpfung, sagt Mediziner Brand. Mit den Triptanen und einer guten Prophylaxe seien sehr gute Behandlungserfolge möglich. "Die Lebensqualität der Patienten und ihres Umfelds läßt sich deutlich erhöhen", sagt Brand.

Wie sehr das Leben der Patienten durch die Krankheit beeinträchtigt wird, zeigen Zwischenergebnisse einer Studie im Auftrag der MigräneLiga. Dafür wurden 2700 Migränekranke und ihre Angehörigen in sechs Ländern befragt.

In der Befragung gaben 90,4 Prozent der Patienten und 60,0 Prozent der Angehörigen an, daß die Krankheit einen negativen Einfluß auf die Lebensqualität hat. Eine Beeinträchtigung der Partnerschaft oder des Familienlebens sehen 52,3 Prozent der Patienten und 24,0 Prozent der Angehörigen. Bei 66,7 Prozent der Patienten behindern die Migräneanfälle manchmal oder häufig Aktivitäten mit der Familie oder in anderen sozialen Bereichen.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: 87 Prozent der Patienten würden häufiger zum Arzt gehen und nach besseren Behandlungsmöglichkeiten fragen, wenn sie wüßten, daß die Familie durch die Migräne stärker belastet wird, als sie es bisher angenommen haben.

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