Ärzte Zeitung, 09.01.2006

Mit Sauerstoff im Überdruck gegen Migräne

Versuch mit hyperbarem Sauerstoff etwa bei Arznei-Intoleranz / "Bei Migräne sind Triptane Therapie-Goldstandard"

KASSEL (gwa). Bei Migräne sind und bleiben Triptane der Therapie-Goldstandard, sagt Dr. Ralf Busch vom Druckkammerzentrum Kassel. Aber: Nutzen diese oder andere Medikamente nicht oder sind sie kontraindiziert, kann man eine Sauerstoff-Überdrucktherapie (hyperbare Sauerstofftherapie, HBO) versuchen. Besonders bei jüngeren Patienten, die nicht länger als etwa vier Jahre Migräne haben, sind die Erfolgsaussichten gut.

Patienten bei einer Sauerstoff-Überdrucktherapie im Druckkammerzentrum Kassel. Die Therapie kann auch bei Migräne versucht werden. Foto: Druckkammerzentrum Kassel

Busch und seine Kollegen haben HBO in einer bislang noch nicht veröffentlichten Studie bei 350 Migräne-Patienten geprüft, bei denen Neurologen des Burgfeld-Krankenhauses in Kassel Migräne nach den Kriterien der Internationalen Migräne-Gesellschaft IHS diagnostiziert hatten. Daten von 310 Patienten konnten ausgewertet werden; 20 Patienten waren im Druckkammerzentrum in Leipzig behandelt worden.

Teilnehmer erhielten zehn HBO-Therapien à 40 Minuten

Die Teilnehmer führten zunächst für drei Monate ein Schmerztagebuch, in dem sie etwa Zahl, Dauer und Schwere der Attacken sowie den Medikamentenverbrauch dokumentierten. Dann erhielten sie innerhalb von 14 Tagen zehn HBO-Therapien.

Eine Sitzung dauerte 40 Minuten; dabei atmeten die Patienten reinen Sauerstoff bei 2 bar ein - das entspricht dem Druck in zehn Meter Wassertiefe. Jeweils weitere zehn Minuten dauerte es, bis der Überdruck erreicht und dann wieder auf Normaldruck abgebaut war. Die Teilnehmer führten weitere drei Monate ihr Schmerztagebuch.

Primäre Endpunkte waren Anfallshäufigkeit und -schwere. Als Responder galt, wenn die Zahl der Attacken oder die Schmerzhaftigkeit um mindestens 50 Prozent reduziert worden war. Das war bei insgesamt 35 Prozent der Teilnehmer so. "Bei Patienten um 30 bis 40 Jahre, die Migräne erst seit ein paar Jahren haben, ist die Ansprechrate deutlich höher", sagte Busch zur "Ärzte Zeitung".

Wenn solche Patienten keine Triptane einnehmen dürften oder Schmerzmittel entziehen müßten, könnten sie eine HBO versuchen. Die Therapie wird von der GKV nicht und von Privatkassen nur vereinzelt erstattet. Eine Sitzung kostet etwa 50 Euro und wird nach GOÄ abgerechnet.

Wie kam man eigentlich auf die Idee, die HBO bei Migräne zu probieren? Immer wieder erzählten Patienten, die die Therapie wegen Tinnitus bekamen: "Herr Doktor, ich höre immer noch nicht viel besser, aber meine Migräne ist wie weggeblasen!" Wie funktioniert die HBO bei Migräne? Aus Studien bei Clusterkopfschmerz weiß man, daß HBO die Serotonin-Ausschüttung im Gehirn reduziert - das könne eine Erklärung sein, so Busch.

Vor der Therapie wird die Drucktauglichkeit festgestellt

Welche Kontraindikationen gibt es? Busch: "Zum Beispiel Patienten mit Epilepsie oder hochgradiger obstruktiver Lungenerkrankung dürfen nicht in die Druckkammer." Vor einer HBO werde die Druckkammertauglichkeit eines Patienten geprüft.

Nach wie vor seien Triptane bei mittel- bis schwerer Migräne erste Wahl, sagte Busch. Es sei erschreckend, wie wenige der Studienteilnehmer Triptane eingenommen hätten. Aber: "Die HBO ist sicher für einige Migränepatienten eine gute Option", so Busch. Der Erfolg halte auch längere Zeit an. Einige Patienten kämen zwei- bis dreimal im Jahr zur Auffrischung, zum Beispiel für zwei HBO-Sitzungen.

"Eine junge Frau mit Kinderwunsch, die etwa zwei Attacken pro Woche hatte, war nach der Studie fünf Monate fast beschwerdefrei, heiratete, wurde schwanger und bekam ein gesundes Kind. Sie hat zwar noch Migräne, aber weniger Attacken und weniger Symptome."

Infos zum Druckkammerzentrum Kassel und zur HBO: http://www.hbokassel.de, E-Mail: info@hbokassel.de, Tel.: 05 61- 9 32 47 00. Adressen von Druckkammer-Zentren: www.vdd-hbo.de/plz.php

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