Ärzte Zeitung online, 11.08.2008

Hilft Sport gegen Migräne? Dafür spricht bislang nur wenig

In Fachbüchern und Ratgebern wird zur Linderung von Migräne-Attacken regelmäßiger Ausdauersport empfohlen. Allerdings ist derzeit nicht bewiesen, dass Sport tatsächlich gegen Migräne hilft. Die bisherigen Studien weisen erhebliche Mängel auf, und nur in drei von sieben Untersuchungen ließ sich die Attackenfrequenz durch Sport reduzieren.

Von Sabine Stürmer

Foto: Skogas©www.fotolia.de

Belegt ist bislang lediglich, dass durch regelmäßigen Ausdauersport die Schwelle von experimentell induzierten Schmerzen gesenkt werden kann. Dies haben mehrere Studien in den 80er Jahren belegt. Seitdem wird postuliert, dass regelmäßiger Sport wirksam Migräne lindern kann. Um den wissenschaftlichen Gehalt dieser Empfehlung zu überprüfen, haben Dr. Volker Busch von der Universität Regensburg und Dr. Charly Gaul von der Universität Halle/Wittenberge die medizinischen Datenbanken nach Publikationen im Zeitraum von 1962 bis Mai 2007 durchforstet, und zwar nach solchen, in denen Sport als alleinige Behandlungsmethode bei Patienten mit vermuteter oder eindeutiger Migräne untersucht wurde (Der Schmerz, 2, 2008, 137).

Die Ausbeute war mager: Lediglich sieben Studien wurden gefunden, allerdings erfüllten nur zwei der Arbeiten die vollständigen Kriterien einer kontrollierten randomisierten Studie. Alle Untersuchungen waren monozentrisch, ein Cross-over-Ansatz wurde in keiner Studie verfolgt, eine Verblindung und Placebokontrolle war studientechnisch bedingt nicht möglich. Hinzu kamen weitere Schwachpunkte: "Häufig überzeugt die Diagnose Migräne nicht, die Behandlungszeit ist zu kurz, die durchgeführte Intervention nicht streng definiert und auch die Therapiekontrolle mangelhaft," schreiben die Autoren. So verwendeten nur drei Arbeiten die gültigen Migränekriterien bei der Patientenselektion. Weiteres Manko war die geringe Fallzahl von im Median nur 11 Patienten.

An den ausgewerteten Studien nahmen Patienten teil, die bislang nicht regelmäßig Sport getrieben hatten. Alle Studien untersuchten den Effekt von Ausdauersportarten wie Joggen, Radfahren, Rudern und Walking. Die Teilnehmer trainierten zwei- bis dreimal wöchentlich jeweils 20 bis 30 Minuten lang. Die Trainingsintensität war in allen Arbeiten mit 60 bis 75 Prozent der Maximalleistung moderat und aerob. Die Trainingsphase dauerte 6 bis 26 Wochen.

Meistens absolvierten die Patienten den Sport in eigener Verantwortung und ohne Begleitung eines geschulten Trainers. Nur in zwei Untersuchungen fand eine Kontrolle statt. Akute Schmerzmedikamente durften im Falle von Kopfschmerzen in allen Studien eingenommen werden. Bezüglich der prophylaktischen Medikation war das Vorgehen in den Arbeiten sehr unterschiedlich: In einer Untersuchung gab es vor Studienbeginn eine sechswöchige Auswaschphase, in anderen Studien nahmen einige Patienten die Prophylaxe weiter ein, andere setzten sie ab. In einigen Arbeiten fehlten die Angaben zur Prophylaxe komplett.

In drei der sieben Studien fanden die Autoren einen positiven Einfluss von Sport auf die Attackenfrequenz. So konnte in einer türkischen Studie mit 20 Migränepatienten die Anzahl der Kopfschmerztage nach 8 Wochen Ausdauersport um 50 Prozent reduziert werden. In der zweiten dieser drei Studien wird berichtet, dass die Attackenanzahl bei den insgesamt neun Teilnehmern gesunken sei. Die Autoren machen aber keine Angaben zur statistischen Signifikanz. In der dritten Studie beschreiben die Studienleiter eine durchschnittliche Reduktion der Attackenfrequenz ihrer Migränegruppe von zwei auf eine Attacke im Monat nach sechs Wochen Sport. In den anderen vier Arbeiten blieb die Attackenanzahl allerdings unverändert. Die durchschnittliche Intensität des Kopfschmerzes sank in fünf Studien. In zwei Arbeiten war die mittlere Attackendauer nach der Trainingsphase reduziert.

Erstaunlich ist jedoch, dass trotz dieser Effekte in fast allen Studien die Menge der benötigten akuten Kopfschmerzmedikamente unverändert blieb. Lediglich in einer Arbeit nahmen die Patienten nach der Sport-Phase weniger Akutmedikation ein, allerdings fehlt die Angabe der statistischen Signifikanz.

Busch und Gaul ziehen das Fazit, dass theoretische Überlegungen und die vorliegenden Publikationen zwar eine Wirksamkeit von regelmäßigem Ausdauersport vermuten lassen, nach aktuellen Evidenzkriterien sei dies jedoch nicht belegt. Aus der wissenschaftlichen Einstufung aller vorliegenden Arbeiten (Evidenzstufen II bis maximal IV) ergibt sich ein derzeitiger Empfehlungsgrad des Sports bei Migräne von B-C, resümieren die Neurologen. Unklar sei weiterhin, ob Ausdauersport nur als Teil eines eher multidimensionalen Therapieansatzes oder auch alleine wirksam ist.

Die Autoren halten weiterführende kontrollierte randomisierte Studien für unverzichtbar. Denkbar wäre ein Vergleich gegen medikamentöse Standardtherapie, etwa zur Migräneprophylaxe, oder gegen ein multimodales Therapiekonzept. Höhere Fallzahlen und ein multizentrisches Design sollten angestrebt werden. Sinnvoll wäre der Einschluss von Migränepatienten mit oder ohne Aura mit vier oder mehr Kopfschmerztagen im Monat. Die Studiendauer sollte nicht unter 16 Wochen liegen und die Nachbeobachtungszeit mindestens ein halbes Jahr betragen.

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